Juli 2015 – Sammelbeitrag Nr. 1

SO EIN FLEGEL (Deutschland 1934, Regie: Robert A. Stemmle)

so ein flegel

(Fassung: DVD, DeAgostini, Deutschland)

Helmut Weiss’ DIE FEUERZANGENBOWLE aus dem Jahr 1944 mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle dürfte die wohl bekannteste Verfilmung des gleichnamigen Romans von Heinrich Spoerl aus dem Jahr 1933 sein. Es war allerdings nicht die erste Verfilmung des Buchs. Bereits im Jahr 1934 – ein Jahr nachdem das Buch herauskam – drehte Regisseur Robert A. Stemmle mit SO EIN FLEGEL einen Film, der ebenfalls auf dem Roman beruhte, diesen aber stark veränderte. Ist es im Buch und in der werkgetreueren Umsetzung von 1944 ein Schriftsteller, der sich „verjüngt“ noch mal auf die Schulbank setzt, erzählt SO EIN FLEGEL eine typische Verwechselungsgeschichte, in der zwei Brüder die Rollen tauschen (ein Autor für ein Theaterstück nimmt den Platz seines Bruders in der Schule ein und umgekehrt). Was beide Verfilmungen gemeinsam haben, ist die männliche Hauptrolle, denn auch in SO EIN FLEGEL ist Heinz Rühmann in der Pfeiffer-Rolle zu sehen, und zwar in einer echten Doppelrolle (im Finale gibt es einen für die damalige Zeit durchaus beeindruckenden Spezialeffekt, wenn plötzlich beide Brüder nebeneinander auf einer Bühne stehen).

Auffallend an Stemmles Film ist vor allem die Tatsache, dass so gut wie keine Exposition stattfindet und der Zuschauer sofort mitten ins Geschehen geworfen wird. Stemmle springt in schnellen Schritten zwischen beiden Brüdern hin und her und als Zuschauer muss man sich tatsächlich erst mal kurz sortieren, um überhaupt einzuordnen, was hier eigentlich gespielt wird. Der Aufbau der Handlung kann also im wahrsten Sinne des Wortes als sprunghaft bezeichnet werden. Ansonsten ist SO EIN FLEGEL vor allem ein gutes Beispiel für einen frühen Vertreter der Verwechslungskomödie und des Minigenres des Rollentauschfilms, in dem beide Protagonisten aus der jeweils fremden Rolle etwas für sich mitnehmen können und sich am Ende alles in Wohlgefallen auflöst. Aus heutiger Sicht ist SO EIN FLEGEL natürlich vor allem harmlos, wirkt auch durchaus etwas angestaubt und dürfte bei den meisten Zuschauern wahrscheinlich nicht viel mehr als ein müdes Gähnen hervorrufen. Nett anzusehen ist Stemmles Film trotzdem, insbesondere auch wegen einiger wirklich sehr schöner visueller Ideen und toller Kameraeinstellungen.

Persönliche Bewertung: Nett!

PROSTITUTES PROTECTIVE SOCIETY (USA 1966, Regie: Barry Mahon)

prostitutes protective society

(Fassung: DVD, Something Weird Video, USA)

In Barry Mahons Nudie-/Sexploitation-Film dreht sich alles um Madame Sue, die am New Yorker Times Square einen Prostituierten-Ring aufgebaut hat und sich nun damit auseinandersetzen muss, dass ein Gangstersyndikat in Form von Schutzgelderpressung ein Stück vom lukrativen Kuchen abhaben will. Als Madame Sue die Zahlungen verweigert, werden als Reaktion darauf zahlreiche Prostituierte umgebracht. Doch Madame Sue und ihre überlebenden Mädchen schlagen zurück…

Hört sich irgendwie sogar nach einem richtigen Handlungsstrang an, doch der Schein trügt. Die hier skizzierte Handlung ist zwar vorhanden und auch erkennbar, nimmt in dem gerade mal gut 60 Minuten langen Film allerdings eher eine Nebenrolle ein. „Auteur“ Barry Mahon – ich muss ihn einfach so bezeichnen, war er doch für Produktion, Drehbuch, Kamera und Regie des Films verantwortlich – liegt viel mehr daran, seinem Publikum im Jahr 1966 möglichst viel nackte Haut zu zeigen. Und da das damals aufgrund der strengen Zensurauflagen noch verpönt war und in keinstem Falle sexuell motiviert sein durfte, sieht man über lange Strecken des Films die Prostituierten oben ohne bzw. nur in Reizwäsche bekleidet zusammensitzen während sie sich über das weitere Vorgehen gegen die Schutzgelderpresser beraten. Oder man sieht sie nackt vor einem Spiegel im Bad stehen, oder unter der Dusche, oder, oder, oder…; die eigentliche Handlung des Films dürfte zusammengerechnet vielleicht 1/4 der Laufzeit ausmachen.

Es ist klar, dass sich ein Film wie PROSTITUTES PROTECTIVE SOCIETY einer halbwegs objektiven Bewertung komplett entzieht. Nimmt man ihn als das, was er ist, nämlich ein weiterer Versuch, nackte Haut an den Zensoren vorbei auf die große Leinwand zu schmuggeln, dann muss man Schmuddelfilmer Mahon jedoch definitiv zugutehalten, dass er das richtig gut hingekriegt hat und es damals unzählige, weitaus kläglichere Versuche gegeben hat, Zuschauer wegen nackter Tatsachen in die Lichtspielhäuser zu locken. Das Ende ist – auch wenn es sich nur im Off abspielt – der Knaller, die Darstellerin der Madame Sue (wie auch immer sie heißen mag, als Darsteller sind in den Credits tatsächlich nur „Madame Sue and her Times Square Girls“ genannt) ist „kinda cute“ und diese unzähligen eingestreuten (Archiv-)Aufnahmen vom New Yorker Times Square aus der damaligen Zeit sind für Filmnostalgiker nicht viel weniger als unbezahlbar.

Persönliche Bewertung: Gut!

DER STOFF AUS DEM DIE TRÄUME SIND (Deutschland 1972, Regie: Alfred Vohrer)

der stoff, aus dem die träume sind

(Fassung: DVD, Kinowelt, Deutschland)

Der für ein Revolverblatt tätige Reporter Walter Roland (Paul Neuhaus) soll – aufgrund jüngster Marktforschungsergebnisse – eine mehrteilige Sexreportage schreiben, fühlt sich allerdings zu größeren Taten berufen und erreicht bei seinem Chef zumindest einen kleinen Kompromiss. Wenn er sich bereit erklärt, nebenbei die Sexgeschichte zu machen, darf er sich gemeinsam mit seinem Fotografen Bertie Engelhardt (Herbert Fleischmann) auch seiner Wunschstory, einer Geschichte rund um tschechische Flüchtlinge, widmen. Doch die Recherchen im Flüchtlingsfall lassen Roland und Engelhardt schon bald zwischen die Fronten diverser Geheimdienste geraten…

In der Chronologie ihres Erscheinens ist DER STOFF AUS DEM DIE TRÄUME SIND die dritte Simmel-Verfilmung der Münchner Roxy Film aus den frühen 70er Jahren. Regie führte auch hier Alfred Vohrer, vor der Kamera versammelte sich richtig viel Prominenz und den Ansatz, den Vohrer für seinen Film wählt, kann man fast schon als episch bezeichnen. DER STOFF AUS DEM DIE TRÄUME SIND läuft über 130 Minuten (es gab wohl sogar eine weitere Kinofassung, die noch 10 Minuten länger gelaufen ist, diese scheint jedoch verschollen zu sein) und genau das ist auch das große Problem des Films. Nach einem noch durchaus spektakulären und vielversprechenden Beginn, verwandelt sich DER STOFF AUS DEM DIE TRÄUME SIND leider ziemlich schnell in eine staubtrockene und ausgesprochen zähe Angelegenheit, durch die man sich als Zuschauer über weite Strecken regelrecht quälen muss. Für Abwechslung sorgen lediglich ein eigentlich unnötiger Subplot rund um eine ältere, verwirrte Flüchtlingshelferin, die sich im Stadium eines ständigen Deliriums befindet und deren Halluzinationen einfach nur als surreal bezeichnet werden können, sowie die Einrichtung und Ausstattung diverser (Wohn-)Räume, die man tatsächlich gesehen haben muss, um glauben zu können, dass es so etwas tatsächlich mal gegeben hat.

Persönliche Bewertung: Naja!

DER NEUE HEISSE REPORT – WAS MÄNNER NICHT FÜR MÖGLICH HALTEN (Deutschland 1971, Regie: Ernst Hofbauer)

der neue heiße report - was männer nicht für möglich halten - 1 der neue heiße report - was männer nicht für möglich halten - 2

(Fassung: DVD, Kinowelt, Deutschland)

In meinem Eintrag zu Boos’ KRANKENSCHWESTERN-REPORT im letzten Monat bin ich ja schon kurz auf die Welle der Report-Filme in den 70er Jahren eingegangen. Wie es der Titel schon verrät, ist auch Hofbauers Film ein Teil dieser Welle und dieser Beitrag hier stammt dann auch gleich vom Begründer der Welle selbst. Schließlich war es Hofbauer, der mit SCHULMÄDCHEN-REPORT – WAS ELTERN NICHT FÜR MÖGLCH HALTEN das ganze „Unheil“ ein Jahr vorher erst ausgelöst hat.

In dem vorliegenden Film geht es nun nicht mehr um Schulmädchen, die ihre Eltern schockieren, sondern um untreue Ehefrauen, die ihre Männer schockieren. In gewohnt mahnender Form klärt Hofbauer den – damals vielleicht noch schockierten, heute nur noch amüsierten – Zuschauer schonungslos über die grünen Witwen auf, Frauen, die mit ihren erfolgreichen Ehemännern in luxuriösen Wohnungen am Stadtrand leben, von ihren Männern aber nicht allzu viel haben, da sich diese zu sehr mit ihrer Arbeit und dem Bereitstellen der Luxusgüter beschäftigen. Die so vernachlässigten Damen fangen an, ihre Lust durch Seitensprünge zu stillen. Die diversen Episoden, die Hofbauer dem Zuschauer präsentiert, lassen praktisch keine Wünsche offen. Vom großen Drama (eine der Ehefrauen begeht bspw. einen Selbstmordversuch, weil sie das schlechte Gewissen plagt, eine andere wird in die Prostitution getrieben) bis zu debilem Klamauk (eine Dame mittleren Alters versucht, einen jungen Postboten zu verführen) ist alles dabei. Heute, über 40 Jahre später, kann man es tatsächlich kaum fassen, dass Filme wie dieser hier tatsächlich mal erfolgreich im Kino gelaufen sind, auch wenn ich persönlich das Unterhaltungspotential von solchen Filmen als einfach nur exorbitant hoch einschätze. Vor allem diese extrem nüchternen Off-Kommentare zu den gezeigten Szenen und die immer wieder eingefügten, gestellten Interviewsequenzen mit Passanten auf der Straße sind Gold wert und praktisch unbezahlbar.

Persönliche Bewertung: Unterhaltsam!

ASYLUM OF SATAN (USA 1972, Regie: William Girdler)

asylum of satan

(Fassung: DVD, Something Weird Video, USA)

Die attraktive Lucina Martin (Carla Borelli) wacht morgens auf und muss feststellen, dass sie von dem Krankenhaus, in dem sie aufgrund eines leichten Zusammenbruchs untergebracht war, in eine dubiose Privatklinik verlegt wurde und nun von dem noch dubioseren Arzt Dr. Specter (Charles Kissinger) behandelt werden soll. Was Lucina am Anfang noch nicht wissen kann, ist, dass sie sich in den Händen eines Clans von Teufelsanbetern befindet und schon bald dem Leibhaftigen persönlich geopfert werden soll…

ASYLUM OF SATAN ist typische US-C-Movie-Ware aus den frühen 70er Jahren, einer dieser Filme, die wahrscheinlich vor allem aus dem Grund gedreht wurden, um in diversen Drive-In- und Grindhouse-Kinos als Rausschmeißer nach Mitternacht zu laufen. Es sind zwar ein paar ganz nette Ansätze vorhanden, insgesamt betrachtet fehlt es Girdlers Film jedoch vor allem an Spannung und „shock value“, was für einen dem Horrorgenre zuzuordnendem Film natürlich so etwas wie das Todesurteil darstellt. Nur in ganz wenigen Szenen kommt so etwas wie Atmosphäre auf und wenn es überhaupt etwas zu loben gibt, dann vielleicht den teilweise recht kruden Humor, der immer mal wieder zu Tage kommt und Hauptdarstellerin Carla Borelli, die jetzt zwar nicht unbedingt durch sonderlich viel Talent, dafür aber mit ihrer attraktiven Erscheinung zu überzeugen weiß. Die Szene, in der es zum Opferritual kommen soll, ist ganz nett gelungen und die Maske des Teufels wunderbar trashig und irrsinnig geraten. Man gibt sich bei solchen Filmen ja auch mit wenig zufrieden.

Persönliche Bewertung: Naja!

THE SIX THOUSAND DOLLAR NIGGER (USA 1978, Regie: Rene Martinez Jr.)

the six thousand dollar nigger

(Fassung: DVD, Vinegar Syndrome, USA)

THE SIX THOUSAND DOLLAR NIGGER ist ein Film, den man allein schon wegen seines unglaublichen Plots in sein Herz schließen muss. Ich habe ja schon viele obskure Filme gesehen, aber der hier ist ganz besonders obskur ausgefallen. Es dreht sich um 2 Gangster, die einen Juwelendiebstahl begehen wollen. Dafür lassen sie sich von einem kleinwüchsigen Wissenschaftler ein Serum entwickeln, welches Superkräfte verleiht. Das Serum hat nur eine Nebenwirkung: Jeder Mensch, der es injiziert bekommt, stirbt eine Woche später. Da sie ihr investiertes Geld (nämlich die 6.000 Dollar aus dem Filmtitel) aber nicht einfach so abschreiben wollen, heuern sie einen Trunkenbold an, der sich das Serum injizieren  lassen soll um danach den Überfall zu begehen. Als der nach der begangenen Tat allerdings von den Nebenwirkungen erfährt, weigert er sich, die Diamanten rauszurücken. Er hätte verständlicherweise gerne eine Gegenmittel. Und einem mit Superkräften ausgestatteten Typen ist nur schwer beizukommen.

Und ja, THE SIX THOUSAND DOLLAR NIGGER ist exakt so verrückt, wie sich das alles anhört. Natürlich ist das hier ein Film aus dem tiefsten Untergrund, ein Projekt, welches mit wenig Talent und noch weniger Budget durchgezogen wurde. Aber es ist auch ein Film, dem man einfach anmerkt, dass hier vor und hinter der Kamera Menschen mit Herzblut bei der Sache waren. Und das ist ein Pluspunkt, der praktisch nicht in Juwelen aufzuwiegen ist.

Persönliche Bewertung: Unterhaltsam!

A SWEET SICKNESS (USA 1968, Regie: Jon Martin)

a sweet sickness

(Fassung: DVD, Something Weird Video, USA)

Sexploitation aus den 60er Jahren und doch ganz anders als der von mir wenige Tage zuvor gesehene PROSTITUTES PROTECTIVE SOCIETY. Hatte Barry Mahon in seinem 1966 produzierten Film nämlich noch mit den Zensurauflagen des Hays Code zu kämpfen, konnte Regisseur Jon Martin nur 2 Jahre später aus dem Vollen schöpfen. Der Hays Code wurde im Jahr 1967 nämlich abgeschafft und endlich war es möglich, nackte Haut auch in Verbindung mit sexuellen Situationen auf der Leinwand zu zeigen. Verständlich, dass die auf den schnellen Dollar schielenden Macher solcher Billigfilme gerade Ende der 60er Jahre komplett am Rad drehten. Jon Martin hält sich mit so etwas wie einer Story gar nicht mehr groß auf, A SWEET SICKNESS ist eher im Stil der deutschen Report-Filme gedreht (jedoch ohne den episodenhaften Charakter) und beschäftigt sich mit einer jungen Frau (Vincence Wallace), die eigentlich von einer großen Filmkarriere in Hollywood träumt, jedoch auch ihre Rechnungen zahlen muss und aus diesem Grund von Agenten und Produzenten ausgebeutet wird, die nicht ihr Talent, sondern viel lieber ihre Brüste ins richtige Licht setzen wollen. So ist A SWEET SICKNESS vor allem eine relativ langweilige Abfolge von diversen Nacktszenen (in Badezimmern, Stripclubs und natürlich auch endlich – jedoch meistens vor allem inszenatorisch recht unbeholfen – in verschiedenen Betten), die von einem Sprecher aus dem Off immer wieder kommentiert werden (wohl um zumindest den Ansatz einer Handlung voranzutreiben).

A SWEET SICKNESS ist eigentlich kaum mehr goutierbar und es dürfte helfen, wenn man ihn wie ich an einem Tag ansieht, an dem einen die Hitze draußen schon fast um den Verstand bringt, man deliriös auf der Couch liegt und sich vom Geschehen auf der Mattscheibe einfach nur in entfernte Universen beamen lässt. Dann funktioniert auch ein Film wie A SWEET SICKNESS zumindest noch als filmhistorische Obskurität, die aber – wenn überhaupt – wohl nur wegen ihres offen zur Schau getragenen Zynismus im Gedächtnis bleiben wird. Denn die Träume der jungen Frau, die man während der gut 60-minütigen Laufzeit begleitet, „erfüllen“ sich am Ende des Tages dann halt doch nur in einem Film wie diesem hier.

Persönliche Bewertung: Mies (mit einigen wenigen Momenten)!

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