November 2015 – Sammelbeitrag Nr. 6

TATORT: REIFEZEUGNIS (Deutschland 1977, Regie: Wolfgang Petersen)

tatort - reifezeugnis_1

tatort - reifezeugnis_2

(Fassung: DVD, ARD Video, Deutschland)

Ich habe jetzt nicht näher recherchiert, gehe aber fest davon aus, dass die in der ARD laufende TATORT-Reihe die dienstälteste Krimininalfilmreihe im deutschen Fernsehen ist. Und ich gehe weiter davon aus, dass, würde man eine Umfrage machen, welche Filme der Reihe zu den bekanntesten zählen, neben diversen Filmen mit Götz George als Horst Schimanski insbesondere auch Petersens REIFEZEUGNIS, der insgesamt sechste und letzte Film, den der spätere Hollywoodregisseur für die Reihe inszeniert hat, immer wieder genannt werden dürfte.

REIFEZEUGNIS erzählt die Geschichte einer unheilvollen Beziehung zwischen dem Lehrer Fichte (Christian Quadflieg) und seiner Schülerin Sina (Nastassja Kinski), die Geschichte des eifersüchtigen Klassenkameraden Michael (Markus Boysen) und die fatalen Folgen seines Erpressungsversuchs. Dieser endet nämlich in einer (versuchten) Vergewaltigung und damit, dass Michael von Sina in Notwehr getötet wird. Eine Tat, die Sina natürlich vertuschen möchte, um die Affäre mit ihrem Lehrer nicht auffliegen zu lassen. Und die Story, die sie Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) auftischt, scheint dieser auch fast zu glauben…

Sieht man REIFEZEUGNIS erst jetzt zum ersten Mal, kann man es fast nicht glauben, dass es sich hier um einen TV-Film handelt, der damals in dieser Form tatsächlich ausgestrahlt wurde. Denn REIFEZEUGNIS ist tatsächlich ziemlich heftiger Tobak. Wegen seiner Ausgangssituation, der – auch durchaus explizit dargestellten – Affäre zwischen dem Lehrer und der minderjährigen Schülerin, wegen der Darstellung einer versuchten Vergewaltigung unter Schülern mit anschließender Todesfolge, wegen des teilweise unfassbaren Verhaltens weiterer Beteiligter im Verlauf der Geschichte, welches einem aus heutiger Sicht nicht wenige Fragezeichen raushaut. Und vor allem auch wegen der doch sehr zeigefreudigen Inszenierung der bei den Dreharbeiten wohl noch nicht mal 16 Jahre alt gewesenen Nastassja Kinski, welche ich schon mehr als grenzwertig erachte. REIFEZEUGNIS könnte heute in dieser Form wohl aus verschiedenen Gründen definitiv nicht mehr gedreht werden und liefert so wie er ist natürlich auch ein interessantes Zeugnis einer unbekümmerteren und unbedarfteren Zeit ab.

Aber ganz ungeachtet diverser, aus heutiger Sicht sicher fragwürdiger Inszenierungsentscheidungen, ist REIFEZEUGNIS in erster Linie ein richtiger toller Mix aus Liebesdrama und Kriminalfilm geworden, der seine Spannung nicht aus der Frage zieht, wer das jugendliche Opfer umgebracht hat – hier hat der Zuschauer gegenüber den Ermittlern ja einen Wissensvorsprung -, sondern vielmehr daraus, ob und wie der Kommissar die Wahrheit herausfinden wird und welche Konsequenzen dies nach sich zieht. REIFEZEUGNIS ist von der ersten Minute an packend, wird mit zunehmender Laufzeit immer spannender und kann insbesondere auch auf schauspielerischer Seite absolut überzeugen. Besonders hervorzuheben ist dabei die Leistung von Nastassja Kinski. Die war zuvor im Wenders-Film FALSCHE BEWEGUNG und in der Hammer-Produktion TO THE DEVIL A DAUGHTER zu sehen und liefert in ihrer ersten echten Hauptrolle eine Darbietung ab, vor der man nur sämtliche etwa vorhandenen Hüte ziehen kann.

Bewertung: Hervorragend!

 

THE LEGO MOVIE (Australien/Dänemark/USA 2014, Regie: Phil Lord/Christopher Miller)

the lego movie

(Fassung: Blu-ray 3D, Warner, Deutschland)

Wer schon immer mal Superman, Batman, Green Lantern, Wonder Woman, Han Solo, C-3PO, Abraham Lincoln, Gandalf, Dumbledore, u.v.a. gemeinsam in einem Film sehen wollte, muss sich wohl oder übel THE LEGO MOVIE ansehen. Die beiden Regisseure Phil Lord und Christopher Miller, die vor allem durch ihre durchgeknallte Serienadaption 21 JUMP STREET und deren Fortsetzung bekannt sein dürften, schicken all diese Figuren in ein wildes Abenteuer durch diverse Legowelten. Held des Films ist der von Chris Pratt gesprochene Emmet, ein einfacher Arbeiter, der es gemeinsam mit der kämpferischen Lucy (gesprochen von Elizabeth Banks) gegen den fiesen President Business (Will Ferrell lieh seine Stimme) aufnehmen muss, um die verschiedenen Legowelten vor einer Katastrophe zu retten.

THE LEGO MOVIE ist laut, schrill, rasant, überzeugt mit einer großen Liebe zum Detail und funktioniert tatsächlich erstaunlich gut. Schließlich besteht (fast) der ganze Film aus zum Leben erweckten Lego-Figuren, die durch mit Lego-Bausteinen erbauten Welten wüten. Ich selbst bin mittlerweile jedoch einfach zu alt für so einen Kram, fand THE LEGO MOVIE zwar ganz hübsch gemacht, mit zunehmender Laufzeit aber auch extrem ermüdend. Zudem waren die 3D-Effekte für einen Animationsfilm eine echte Enttäuschung. Dafür war das Ende ziemlich toll.

Bewertung: Nett!

 

VELVET GOLDMINE (Großbritannien/USA 1998, Regie: Todd Haynes)

velvet goldmine

(Fassung: Blu-ray, Miramax/Lionsgate, USA)

VELVET GOLDMINE erzählt die Geschichte des Journalisten Arthur Stuart (Christian Bale), der sich im Jahr 1984 für eine Story auf die Suche nach dem seit einigen Jahren wie vom Erdboden verschwundenen Glam-Rock-Superstar Brian Slade (Jonathan Rhys Meyers) macht und damit gleichzeitig eine Reise in die eigene Vergangenheit unternimmt…

VELVET GOLDMINE ist eine kunterbunte Liebeserklärung an die Glam-Rock-Zeit der 70er Jahre, der gesuchte Superstar Brian Slade dabei leicht an David Bowie und die zweite zentrale Musikerfigur des Films, der von Ewan McGregor gespielte Curt Wild, leicht an Iggy Pop angelehnt. Haynes’ Film lebt dabei in erster Linie von seiner – teils auch durchaus melancholischen – Stimmung, die einen als Zuschauer regelrecht per Zeitmaschine in die 70er Jahre zu versetzen scheint, von seinem verschachtelten Aufbau (die Geschichte wird nicht chronologisch sondern immer wieder in diversen Rückblenden erzählt), der dafür sorgt, dass keinerlei Langeweile aufkommt und VELVET GOLDMINE immer spannend bleibt, und ganz entscheidend auch von seinen audio-visuellen Schlüsselreizen, die Augen und Ohren des Zuschauers regelrecht zum Überlaufen bringen. Set- und Kostüm-Design sind schlicht atemberaubend und der Soundtrack ist – sofern man mit dieser Art von Musik etwas anfangen kann – der absolute Knaller. Da VELVET GOLDMINE zudem auch noch hervorragend gespielt ist – insbesondere Ewan McGregor als Curt Wild wäre hervorzuheben – und es Abzüge lediglich in der B-Note gibt (weil der Film im letzten Drittel dann doch im einen oder anderen Klischee versinkt), kann ich für alle, die ein Faible für Musikfilme und/oder Zeitportraits der 70er Jahre haben, nur eine glasklare Empfehlung aussprechen.

Bewertung: Sehr gut!

 

DIE ENGEL VON ST. PAULI (Deutschland 1969, Regie: Jürgen Roland)

die engel von st. pauli

(Fassung: Blu-ray, Subkultur Entertainment, Deutschland)

Noch einer dieser wunderbaren St.-Pauli-Filme. Dieses Mal geht es um zwei rivalisierende Zuhälter, die sich auf der Reeperbahn mit harten Bandagen bekämpfen. Eine Geschichte, die Regisseur Jürgen Roland wohl so gut gefallen hat, dass er sie vier Jahre später in ZINKSÄRGE FÜR DIE GOLDJUNGEN – meinem persönlichen Lieblingsfilm aus diesem Subgenre – noch einmal so ähnlich und sogar ein bisschen spektakulärer erzählen sollte. Obwohl man sich auch hier nicht über fehlendes Spektakel beklagen kann. Denn auch DIE ENGEL VON ST. PAULI bietet dem Genrefreund all das, was er so sehr an diesen Filmen mag. Natürlich in erster Linie diesen unvergleichlichen Zeit- und Lokalkolorit und diesen wunderbaren Mikrokosmos, der randvoll mit authentisch wirkenden, durchtriebenen und rauen Typen ist, die sich zwar gegenseitig ohne Rücksicht auf große Verluste bekämpfen, dabei aber auch immer irgendwie ihre Ganovenehre im Hinterkopf zu haben scheinen. Schon die Begräbnis-Prozession über die Reeperbahn zu Beginn des Films, wenn der Tod einer Prostituierten betrauert wird, würde sich wunderbar für eine Hall of Fame unvergesslicher Momente in Exploitationfilmen eignen und so die Erwartungen, die dieser vielversprechende Auftakt beim Zuschauer entfacht, sollen in den folgenden knapp 100 Minuten mühelos erfüllt werden. Besonders hervorzuheben ist dabei das Duell der beiden Hauptdarsteller, die sich als Kontrahenten über die komplette Laufzeit des Films gegenüberstehen sollen. Auf der einen Seite der ebenso unterkühlt wie charismatisch wirkende Horst Frank als Jule Nickels, ein echter Hamburger, der einen mit durchdringendem Blick aus seinen stahlblauen Augen regelrecht zu durchbohren scheint. Auf der anderen Seite sein Widersacher Herbert Fux als schon mehr als schmierig wirkender Holleck, der mit originalgetreuem Wiener Schmäh die Macht über die sündige Meile an sich reißen will. Es sind auch die großartigen Leistungen von Frank und Fux, die DIE ENGEL VON ST. PAULI so sehenswert und unwiderstehlich machen.

Bewertung: Sehr gut!

 

SHUTTER (USA 2008, Regie: Masayuki Ochiai)

shutter

(Fassung: Blu-ray, 20th Century Fox, Deutschland)

Der grandiose RINGU von Regisseur Hideo Nakata aus dem Jahr 1998 hat den Horrorfilm entscheidend verändert. Fortan sollten Horrorfilme – insbesondere aus dem asiatischen Raum – bevorzugt von Mädchen mit schwarzen Haaren, Geistererscheinungen und schrecklichen, in der Vergangenheit liegenden Geheimnissen bevölkert werden. Und irgendwie scheint wirklich jeder dieser Horrorfilme aus Asien früher oder später ein US-Remake spendiert bekommen zu haben, welches nur in Ausnahmefällen an das Original herankam. Auch SHUTTER vom japanischen Regisseur Masayuki Ochiai ist ein Remake. Das gleichnamige Original, welches ich nicht kenne, stammt aus Thailand und kam 4 Jahre vor diesem Film hier in die Kinos. Eine Beurteilung, ob die US-Variante von SHUTTER eine der wenigen Ausnahmen sein könnte, welche die Regel bestätigt, und qualitativ dem Original ebenbürtig sein könnte, kann ich mir somit nicht wirklich erlauben. Ich lehne mich jedoch soweit aus dem Fenster, einfach mal behaupten zu wollen, dass ich es mir nach Sichtung dieses Films nicht wirklich vorstellen kann.

In SHUTTER wird ein junges Ehepaar von einem Geist verfolgt und am Ende des Films kommt ein mehr oder weniger schreckliches Geheimnis zum Vorschein. So weit, so gut, so wenig überraschend. Ochiais Film fügt sich wunderbar in diese schier unübersichtliche Masse von „Mädchen mit schwarzen Haaren“-Filmen ein. Während es Ochiai in der ersten Hälfte des Films noch durchaus gelingt, so etwas wie Spannung und eine Atmosphäre des stetigen Unbehagens mit den typischen Mitteln – flackernde Lichter, unerklärliche Streifen in gerade geknipsten Fotos, kurze Geistererscheinungen, usw. – zu erzeugen, flacht SHUTTER in der zweiten Hälfte, wenn es eigentlich ans Eingemachte gehen sollte, extrem ab. Die vorherigen Andeutungen werden konkreter,  der Geist ist immer häufiger und auch in längeren Einstellungen zu sehen und sein Erscheinen hat praktisch keinerlei „shock value“ mehr. Je länger SHUTTER dauert, desto mehr verkommt der Film zur billigen Kirmesveranstaltung und wenn der Abspann schließlich einsetzt, macht sich einmal mehr das Gefühl breit, dass man Filme dieser Art einfach schon viel zu häufig gesehen hat und es einfach keine Überraschungen mehr in diesem Bereich zu geben scheint. Aufgrund der guten ersten Hälfte geht SHUTTER schon in Ordnung, als mehr als einen netten Timewaster möchte ich ihn jetzt aber nicht unbedingt bezeichnen.

Bewertung: Ok!

 

GIGI (USA 1958, Regie: Vincente Minnelli)

gigi

(Fassung: Blu-ray, Warner, Deutschland)

Zum Abschluss meines Filmmonats November, der ja doch von einer gewissen Genrevielfalt geprägt war, noch ein klassisches Hollywood-Musical aus den 50er Jahren.

GIGI entführt den Zuschauer ins Paris Anfang des 20. Jahrhunderts, in dem sich der ebenso gelangweilte wie dekadente Lebemann Gaston (Louis Jourdan) über eine Laufzeit von knapp 2 Stunden mehr und mehr in die ebenso zauberhafte wie unbedarfte Gigi (Leslie Caron) verliebt.

Bester Film, Beste Regie, Bestes adaptiertes Drehbuch, Beste Kamera, Beste Ausstattung, Beste Kostüme, Bester Schnitt, Bester Originalsong und Bester Score – GIGI hat insgesamt 9 Oscars gewonnen und steht sinnbildlich für ein pompöses, sich selbst feierndes Hollywood. GIGI versinkt auf allen Ebenen im Kitsch, ist ebenso harmlos wie naiv und das aufregendste an dem Film ist der eine oder andere leicht frivol angehauchte Dialog. Man muss sich auf so einen Film einlassen können und wollen um nicht kreischend davonzulaufen. Gelingt einem dies, wird man von Minnellis für knapp 2 Stunden in eine Parallelwelt entführt, in die man sich einfach ohne große Gedanken fallen lassen kann. Man landet ausgesprochen weich, kann für die Dauer des Films abschalten und vom lästigen Alltag entfliehen. Sonderlich viel mehr kann ein Film wie GIGI heute nicht mehr leisten.

Bewertung: Nett!

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s