02/2016 – Sichtungen 19-26

THE MESSENGERS (USA 2007, Regie: Danny Pang / Oxide Pang)

the messengers

(Fassung: Blu-ray, Momentum Pictures, Großbritannien)

Beim US-Debüt der Zwillingsbrüder Danny und Oxide Pang handelt es sich um einen durch und durch klischeehaften und nur leidlich spannenden Vertreter des Spukhausfilms. Die aus Hongkong stammenden Regisseure hatten sich vor allem mit der erfolgreichen GIN GWAI-Filmreihe regelrecht für den US-Markt aufgedrängt, konnten aber dem offensichtlich vorgezeichneten Schicksal vieler asiatischer Regiekollegen aus den Jahren zuvor, die vom System Hollywood glattgebogen worden, leider auch nicht entfliehen.

THE MESSENGERS handelt von der Teenagerin Jess (Kristen Stewart), die – um Vergangenheitsbewältigung zu betreiben – mit ihren Eltern (Dylan McDermott und Penelope Ann Miller) und ihrem kleinen Bruder Ben in ein altes, abgelegenes Farmhaus zieht, in dem es – welch Überraschung – nicht ganz geheuer zugeht. Ähnlich wie Jess haben auch die im Anwesen hausenden Geister, die zunächst nur der kleine Ben sehen kann, noch etwas Dringendes zu erledigen und bringen dadurch Jess und ihre Familie in Gefahr.

Die Gebrüder Pang versuchen ihre Zuschauer mit relativ langsamem Spannungsaufbau und wohldosierten Schock-Momenten für sich zu gewinnen, gelingen tut ihnen das allerdings nur selten. Ab und an erschrickt man sich zwar ein klitzekleines bisschen und hin und weniger kommt auch so etwas wie gruselige Atmosphäre auf, für einen echten Nailbiter ist THE MESSENGERS aber viel zu vorhersehbar und klischeehaft geraten und leider auch nur mit mäßig gelungenen CGI-Effekten ausgestattet worden. So ist dieser Film von Danny und Oxide Pang in erster Linie als nette Zeitverschwendung zu gebrauchen; weiterempfehlen würde ich ihn jetzt nur bedingt.

Bewertung: Ganz ok! – 5/10

 

 

THE ZERO THEOREM (Frankreich / Großbritannien / Rumänien / USA 2013, Regie: Terry Gilliam)

the zero theorem

(Fassung: Blu-ray, Concorde, Deutschland)

Nach BRAZIL aus dem Jahr 1985 und TWELVE MONKEYS aus dem Jahr 1995 beschäftigt sich Regisseur Terry Gilliam in THE ZERO THEOREM erneut mit einer düsteren Zukunftsvision, einer Dystopie, in der wohl niemand wirklich leben will. Als Zuschauer folgen wir dem von Christoph Waltz gespielten Computergenie Qohen Leth, der in einer Welt permanenter Reizüberflutung einfach nur seine Ruhe haben will und verzweifelt versucht, das titelgebende “Zero Theorem“ zu beweisen…

Terry Gilliam konfrontiert seine Zuschauer mit einer Zukunft, die vollkommen dem Wahnsinn verfallen ist, in der es keinerlei Oasen der Ruhe und Stille mehr zu geben scheint und in der der Sinn des Lebens darin zu bestehen scheint, dass es keinerlei Sinn mehr gibt. Visuell ist THE ZERO THEOREM gar prächtig umgesetzt, in der komplett durchgedrehten Zukunft gibt es in jedem Winkel etwas zu entdecken und zu bestaunen und genau wie die Welt, in der THE ZERO THEOREM spielt, ist auch der Film selbst ziemlich durchgeknallt und abgedreht. Das ist natürlich gefundenes Futter für Hauptdarsteller Christoph Waltz, der hier mal wieder seine typische One-Man-Show abziehen darf, damit aber auch so langsam aber sicher zu nerven beginnt. Das Hauptproblem von Gilliams Film ist allerdings nicht sein langsam nervender Hauptdarsteller, sondern die Tatsache, dass sich hinter dem exaltierten Spiel von Waltz und den detailverliebten Settings im Endeffekt lediglich eine große Leere aufzutun scheint. THE ZERO THEOREM wirkt erschreckend banal, die Geschichte kann einen als Zuschauer eigentlich nie so wirklich fesseln und würde der Film nicht in erster Linie von seiner visuellen Stärke leben, man müsste ihn fast als Enttäuschung auf ganzer Linie bezeichnen. Dank seines Kameramanns Nicola Pecorini, seines Production Designers David Warren und seines Kostümdesigners Carlo Poggioli rettet sich Gilliam gerade noch so über die Ziellinie, an die hohe Qualität der beiden im Ausgangssatz genannten Dystopien kommt THE ZERO THEOREM jedoch nicht ansatzweise heran. Am Ende des Tages ist es schon fast eine Ironie des Schicksals, dass ein Film, der Reizüberflutung und Oberflächlichkeiten kritisiert, einzig und allein durch seine Schauwerte zu überzeugen weiß.

Bewertung: Ganz ok! – 5/10

 

 

THE BIG YEAR (USA 2011, Regie: David Frankel)

the big year

(Fassung: Blu-ray, 20th Century Fox)

Das titelgebende “Big Year“ bezieht sich auf einen sportlichen Wettkampf unter Vogelbeobachtern, bei dem diese versuchen, während eines Kalenderjahres so viele verschiedene Vogelarten wie möglich zu sichten. Schon diese Tätigkeit allein scheint für einen Normalsterblichen wie mich nicht unbedingt aufregend zu sein, noch weniger aufregend dürfte man es dann verständlicherweise finden, wenn darüber noch ein Film gedreht wird. Und ja, ich muss ehrlich gestehen, ich habe mir THE BIG YEAR nicht wegen der Geschichte rund um den sportlichen Wettkampf angesehen, sonderlich ausschließlich wegen seiner drei Hauptdarsteller. Wären da mit Steve Martin, Jack Black und Owen Wilson drei in meinen Augen grandiose Komiker vor der Kamera gestanden, ich wäre nie und nimmer auch nur ansatzweise auf die Idee gekommen, mir einen Film über Vogelbeobachter anzusehen. Die Besetzung hat es rausgerissen und die ist auch in den diversen kleineren und größeren Nebenrollen atemberaubend gut. Ich habe keine Ahnung, wie die Casting-Abteilung es geschafft hat, aber in THE BIG YEAR spielen außerdem Rosamund Pike, Kevin Pollak, Dianne Wiest, Brian Dennehy, Anthony Anderson, Anjelica Huston, Tim Blake Nelson und diverse andere bekannte Gesichter mit. Offensichtlich ist so ein “Big Year“ in den USA eine ziemlich große Sache.

Der Film dreht sich nun um den bisherigen Rekordhalter der Vogelbeobachtung, dem von Owen Wilson gespielten Kenny Bostick, der es auf 732 verschiedene Arten innerhalb eines Jahres geschafft hat, der nun Angst hat, dass ihm dieser Rekord genommen werden könnte – Jack Black und Steve Martin sind seine Konkurrenten – und aus diesem Grund alles daran setzt, dies zu verhindern. Ohne Rücksicht auf Verluste setzt er dabei selbst seine Ehe aufs Spiel.

Regisseur David Frankel inszeniert THE BIG YEAR als unterhaltsame Hatz quer durch die Vereinigten Staaten, kreiert dabei ein paar herrlich komische Momente und spart auch nicht an nachdenklichen Untertönen. Die Beobachter werden als Getriebene gezeichnet, als Opfer ihrer Obsessionen, die mitunter einen zu hohen Preis für den vermeintlichen Erfolg zu zahlen bereit sind. Man muss also nicht unbedingt ein Vogelbeobachter sein, um aus THE BIG YEAR auch für sich selbst eine – zugegebenermaßen ausgesprochen einfach gestrickte – Botschaft mitnehmen zu können.

Bewertung: Unterhaltsam! – 6/10

 

 

WHAT DREAMS MAY COME (Neuseeland / USA 1998, Regie: Vincent Ward)

what dreams may come

(Fassung: DVD, Universal, Deutschland)

Robin Williams spielt Chris Nielsen, der bei einem Autounfall ums Leben kommt und sich – nachdem es ihm endlich gelungen ist, von allem Irdischen zu lösen – tatsächlich im Paradies wiederfindet. Als er dort jedoch erfährt, dass sich seine Frau Annie (Annabella Sciorra) vor lauter Trauer das Leben genommen hat und aufgrund dieser Tat in der Hölle gelandet ist, setzt er alles in Bewegung, um vom Himmel in die Hölle hinabzusteigen und seine Frau vor der ewigen Verdammnis zu retten. Und diese Reise setzt Regisseur Vincent Ward in einfach nur atemberaubenden Bilderwelten um.

WHAT DREAMS MAY COME ist Kitsch. Unfassbar schön anzusehender Kitsch. Mitten ins Herz treffender Kitsch. Kitsch mit einer durchweg positiven Message. Aber am Ende des Tages halt doch nur Kitsch. Kitsch, der – je nach Zuschauer – die verschiedensten Reaktionen hervorrufen dürfte. Die dürften vom hoffnungslosen Hinschmelzen bis zum dringenden Bedürfnis, vor Wut den heimischen Fernseher eintreten zu wollen, alle möglichen Spektren abdecken und eine auch nur halbwegs objektive Bewertung dieses Films scheint mir komplett unmöglich zu sein. Ich hatte das Glück, dass ich mich auf WHAT DREAMS MAY COME einlassen konnte, dass mich seine visuelle Pracht verzaubert hat und dass ich diese herrlich naive und doch auch irgendwie Hoffnung spendende Grundaussage des Films sehr sympathisch fand. Vielleicht wird am Ende ja doch alles gut.

Bewertung: Gut! – 7/10

 

 

MY WEEK WITH MARILYN (Großbritannien / USA 2011, Regie: Simon Curtis)

my week with marilyn

(Fassung: Blu-ray, Ascot Elite, Deutschland)

 Der spätere Dokumentarfilmer Colin Clark (der allerdings so wenig Sachen gedreht hat, dass man ihn nicht wirklich kennen muss, die IMDB listet fast ausschließlich Credits bei TV-Produktionen in den 60er und 70er Jahren), startete seine Karriere beim Film einst im jungen Alter von 23 Jahren als Produktionsassistent beim Marilyn-Monroe-Film THE PRINCE AND THE SHOWGIRL und wurde im Lauf der Dreharbeiten aufgrund Verkettung verschiedener Umstände zur Vertrauensperson von Marilyn Monroe. Regisseur Simon Curtis erzählt mit MY WEEK WITH MARILYN diese Geschichte, welche auf Büchern beruht, die Colin Clark zu Lebzeiten veröffentlichte. Selbst befragen zu den Ereignissen von damals konnten ihn die Filmemacher nicht mehr, Clark verstarb bereits im Dezember 2002 im Alter von 70 Jahren.

Regisseur Simon Curtis ist sichtlich darum bemüht, den Menschen hinter dem Mythos zu zeigen, so wirklich gelingen mag ihm dies allerdings nicht. Eine Legende wie Marilyn Monroe zu entmystifizieren, dürfte jedoch auch ziemlich unmöglich sein. Als Zuschauer erfährt man nur wenig bis gar nichts Neues über MM, im Endeffekt wird das Bild, das man als Filmfan von der Ikone haben dürfte, nur bestätigt. Aber vielleicht gibt es auch einfach nicht mehr zu zeigen. Vielleicht war MM ja auch wirklich nur diese naive Verführerin, der Männer reihenweise zu Boden lagen, die Regisseure und Produzenten in den Wahnsinn treiben konnte und die sich trotz ihres immensen Erfolges, den sie zur Entstehung von THE PRINCE AND THE SHOWGIRL bereits hatte, vor lauter Unsicherheit vor der Kamera wie ein blutiger Anfänger verhielt.

MY WEEK WITH MARILYN lebt in erster Linie von der Chemie zwischen Michelle Williams, die die Monroe so überzeugend wie nur möglich interpretiert, und Eddie Redmayne, der in der Rolle des jungen Colin Clark zu sehen ist und dessen Figur gar nicht so recht zu wissen scheint, was ihr hier eigentlich wiederfährt. In zweiter Linie lebt MY WEEK WITH MARILYN von der restlichen Besetzung, die sich wirklich mehr als sehen lassen kann und die dazu beiträgt, dass Curtis’ Film, mag er als Biopic auch nicht wirklich überzeugen, über die komplette Laufzeit zu einer enorm vergnüglichen Angelegenheit wird. Wenn man neben Michelle Williams und Eddie Redmayne u.a. auch noch Julia Ormond, Kenneth Branagh, Emma Watson und Judi Dench in der Besetzungsliste vorweisen kann, ist es ja auch fast unmöglich, einen Film zu drehen, bei dem die schauspielerischen Leistungen nicht überzeugen.

Bewertung: Gut! – 7/10

 

 

CRIMSON PEAK (Kanada / USA 2015, Regie: Guillermo del Toro)

crimson peak

(Fassung: Blu-ray, Universal, Deutschland)

 Edith Cushing (Mia Wasikowska), Tochter eines amerikanischen Unternehmers, verfällt dem englischen Adeligen Thomas Sharpe (Tom Hiddleston) und zieht mit diesem und dessen Schwester (Jessica Chastain) in das alte Familienanwesen der Familie Sharpe, wo sie schon bald mit Geistererscheinungen konfrontiert wird und schließlich einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur kommt…

Regisseur Guillermo del Toro legt CRIMSON PEAK im Stil klassischer Gothic-Grusel-Filme an, lässt sich viel Zeit, seine Geschichte zu entwickeln und Spannung aufzubauen, konfrontiert den Zuschauer dabei immer wieder mit vereinzelten, wohl dosierten Schockeffekten und Spannungsmomenten und kreiert so eine ungemein dichte und unheimliche Atmosphäre. Das ebenso mondäne wie mysteriöse Familienanwesen als Hauptsetting ist dabei ebenso eine Trumpfkarte wie die vorzüglichen Darsteller – allen voran Mia Wasikowska und Jessica Chastain. Mit seinem behutsamen Spannungsaufbau, seinen klassischen Settings und seiner angenehmen Gruselstimmung mag CRIMSON PEAK stellenweise vielleicht etwas altmodisch anmuten, inmitten der diversen Geisterbahnattraktionen und Gewaltexzesse, die das moderne Horrorkino in den letzten Jahren so hervorgebracht hat, ist del Toros Film in meinen Augen jedoch mehr als eine willkommene Abwechslung und sei auf diesem Weg allen Genrefreunden wärmstens zur Sichtung empfohlen.

Bewertung: Gut! – 7/10

 

 

DEFIANCE (USA 2008, Regie: Edward Zwick)

defiance

(Fassung: Blu-ray, Constantin Film, Deutschland)

DEFIANCE erzählt die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte der insgesamt vier Bielski-Brüder (gespielt von Daniel Craig, Liev Schreiber, Jamie Bell und George MacKay), die sich während des zweiten Weltkriegs in den weißrussischen Wäldern vor den Nazis versteckten, mit Gleichgesinnten ein Camp im Wald errichteten und so hunderte Juden vor dem sicheren Tod durch die Nazis retteten.

Filme mit so ernstem Hintergrund wie dieser hier wandeln ja immer auf einem extrem schmalen Grat und müssen sich zwangsläufig die Frage stellen lassen, ob und in welchem Maße ein solches Thema auch “unterhaltsam“ aufbereitet werden darf, kann oder vielleicht sogar muss. Regisseur Edward Zwick gelingt diese schwierige Balance zwischen Unterhaltung und Anspruch zumindest halbwegs. Er konzentriert sich in erster Linie auf die Geschichte der Flüchtenden und die Zweckgemeinschaft, die sie im Wald bilden müssen; Kampf- und Kriegshandlungen stehen in DEFIANCE eher im Hintergrund. Problematisch ist dabei die Zeichnung der beiden älteren, von Liev Schreiber und Daniel Craig gespielten Bielski-Brüder, die mit zunehmender Laufzeit immer mehr zu Helden stilisiert werden, was sie aufgrund ihrer Taten sicher auch verdient haben, was in der Dramaturgie des Films allerdings auch dazu führt, dass dieses sicher extrem schwierige Zusammenleben so vieler verschiedener Menschen innerhalb eines Camps im Wald größtenteils konfliktfrei und wohl auch leicht verniedlicht dargestellt wird und die Zeichnung der diversen Charaktere stellenweise doch sehr klischeehaft erfolgt. DEFIANCE zieht seine Spannung in erster Linie daraus, wie und ob es den Flüchtenden gelingt, weiterhin unentdeckt zu bleiben und zur Auflockerung der Dramaturgie wird dann auch schon mal die eine oder andere romantische oder komisch anmutende Szene eingebaut, was vor dem Hintergrund, vor dem der Film spielt, mitunter etwas befremdlich wirkt. Um leichte Unterhaltung handelt es sich bei DEFIANCE natürlich dennoch nicht und trotz der vorgenannten Schwächen hat Zwicks Film immer noch genügend Potential, den Zuschauer aufzurütteln und zum Nachdenken zu bringen.

Und wenn es ein Film wie DEFIANCE aufgrund seiner vielleicht etwas leichteren Zugänglichkeit tatsächlich schaffen sollte, auch nur einen dieser besorgten Wutbürger, die nun schon seit Monaten ihre fragwürdigen Parolen von sich geben, zum Umdenken zu bewegen, dann hat er schon verdammt viel bewegt. Gut, dass es ihn gibt.

Bewertung: Gut! – 7/10

 

 

LAKEVIEW TERRACE (USA 2008, Regie: Neil LaBute)

lakeview terrace

(Fassung: Blu-ray, Sony, Deutschland)

In LAKEVIEW TERRACE beziehen Patrick Wilson und Kerry Washington als junges Ehepaar Chris und Lisa Mattson ihr Traumhaus in Los Angeles und müssen schnell feststellen, dass ihr direkter Nachbar direkt einem Albtraum entsprungen zu sein scheint. Denn bei dem von Samuel L. Jackson gespielten Abel Turner handelt es sich um einen verbitterten, durchtriebenen und gemeingefährlichen Rassisten, der dummerweise auch noch einer Arbeit als Cop beim LAPD nachgeht…

Regisseur Neil LaBute startet das Aufeinandertreffen der komplett gegensätzlichen Lebensentwürfe zunächst noch sehr ruhig und bedächtig, steigert die Schlagzahl der Gemeinheiten jedoch mit zunehmender Laufzeit des Films immer mehr und lässt diesen letztendlich in der zu erwartenden Katastrophe enden. LAKEVIEW TERRACE ist manchmal etwas zu klischeehaft in der Zeichnung verschiedener Alltagssituationen, mitunter etwas arg unglaubwürdig und alles in allem einfach viel zu vorhersehbar um irgendwelche Höchstnoten in der Bewertung erzielen zu können. Dafür ist Regisseur LaBute die Darstellung dieses gegenseitigen Aufschaukelns, mit den diversen Stadien, bis es schließlich zum großen Finale kommt, richtig gut gelungen und allein das Mitwirken von Samuel L. Jackson, der die Rolle des Bösewichts sichtlich genießt und jede seiner Szenen regelrecht auszukosten scheint, macht LAKEVIEW TERRACE unbedingt sehenswert.

Bewertung: Gut! – 7/10

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02/2016 – Sichtungen 10-18

THE CONDEMNED (USA 2007, Regie: Scott Wiper)

the condemned

(Fassung: DVD, Sony, Deutschland)

 In THE CONDEMNED kauft ein ebenso skrupelloser wie schwerreicher TV-Produzent (Robert Mammone) aus diversen Gefängnissen insgesamt 10 zum Tode verurteilte Verbrecher (u.a. Steve Austin, Vinnie Jones) frei, verfrachtet diese auf eine einsam gelegene Insel, zwingt sie, sich gegenseitig selbst auszuradieren und überträgt das fragwürdige Spektakel per Livestream im Internet. Dem Überlebenden der Todeskandidaten winkt ein Leben in Freiheit…

THE CONDEMNED wurde von WWE Films produziert – WWE steht für World Wrestling Entertainment -, einer Produktionsgesellschaft, die es sich auf die Fahne geschrieben hat, diverse Superstars des Wrestling auf die große Leinwand zu bringen. Diesen Fakt sollte man bei der Sichtung des Films im Hinterkopf behalten, insbesondere wenn man auch nur einen Hauch von Anspruch erwartet. THE CONDEMNED steht in der Tradition des guten, alten Menschenjagd-Films, von denen es im Lauf der Filmgeschichte ja schon einige gegeben hat. Anders als die meisten Vertreter dieses Subgenres verlegt Scott Wiper die Handlung seines Films jedoch nicht in eine dystopische Gesellschaft der (nicht allzu) fernen Zukunft, sondern ins Hier und Jetzt und zeichnet den momentanen Zustand der Welt als komplett pervertiert und verdorben (womit er ja nicht unbedingt falsch liegt).

THE CONDEMNED hat dabei – wie so viele andere Filme dieses Subgenres – natürlich das Problem, dass er das, was er da anprangert und verurteilt, dem Zuschauer vor der Leinwand bzw. vor dem heimischen Fernseher natürlich auch auf möglichst spektakuläre Weise servieren will und sich aus diesem Grund durchaus kritische Stimmen gefallen lassen und sich mit dem Vorwurf der Verlogenheit auseinandersetzen muss. Es ist dieser schmale Grat zwischen selbstzweckhafter Exploitation und aufrichtiger Medienkritik auf dem es zu wandeln gilt und das gelingt THE CONDEMNED – insbesondere unter der Berücksichtigung, dass sich da nicht unbedingt ein Ensemble talentierter Charakterdarsteller vor der Kamera eingefunden hat – über weite Strecken des Films durchaus passabel. Regisseur Scott Wiper spart sich ironische Distanz zum Geschehen auf der Leinwand und erzählt seine Geschichte praktisch ohne jeglichen Anflug von Humor. Das macht das Gezeigte für den Zuschauer über weite Strecken ziemlich unangenehm und davon, als unbeschwerte Unterhaltung bezeichnet werden zu können, ist THE CONDEMNED doch ziemlich weit entfernt. Vielleicht hätte man sich einige geschmackliche Entgleisungen sparen können (insbesondere diese peinliche Rede am Ende des Films) und vielleicht ist dieser finale Gut-gegen-Böse-Konflikt etwas zu naiv geraten, insgesamt betrachtet hat mich THE CONDEMNED aber durchaus positiv überrascht.

Bewertung: Gut! – 7/10

 

 

DEADPOOL (Kanada / USA 2016, Regie: Tim Miller)

deadpool

(Fassung: Central-Kino Hof, O-Ton-Vorführung)

Ryan Reynolds spielt den ehemaligen Elitesoldaten und jetzigen Söldner Wade, der sich – um eine tödliche Krebserkrankung zu besiegen – auf ein medizinisches Experiment der extremeren Art einlässt und sich schon bald in der Rolle eines Versuchskaninchens wiederfindet. Doch die Behandlungsmethoden zeigen Wirkung und aus Wade wird Deadpool – ein unter einer Persönlichkeitsstörung leidender und mit übernatürlichen Kräften ausgestatteter Superheld der etwas anderen Art…

Ob DEADPOOL der Comicvorlage nun gerecht wird kann und will ich nicht beurteilen, denn dazu müsste ich die Vorlage kennen. Das sollen andere entscheiden, Aussagen aus meinem Freundeskreis ist aber durchaus zu entnehmen, dass Miller mit seiner Verfilmung den Comic adäquat umgesetzt hat. Innerhalb der unzähligen Superheldenfilme, die in den letzten Jahren so in die Kinos gekommen sind, ragt DEADPOOL definitiv hervor. Ob er nun eher positiv oder eher negativ hervorragt, ist am Ende des Tages wohl reine Geschmackssache. DEADPOOL hat sicher das Potential, dass man sich an ihm reiben kann. Ich denke, hier dürfte es kein sonderlich breites Meinungsspektrum geben. Die einen werden begeistert sein, die anderen werden ihn hassen.

DEADPOOL ist auf größtmögliche Provokation – innerhalb der engen Grenzen des Blockbusterkinos – getrimmt, lotet diese Grenzen genüsslich aus und versucht auch immer wieder, diese zu überschreiten. Die Grenzüberschreitungen werden dann aber auch immer wieder ironisch gebrochen. DEADPOOL ist fast schon bemüht durchgeknallt und überdreht und das ständige Durchbrechen der Vierten Wand und dieses mehr als aufdringliche Spot-the-Reference-Gehabe führen letztendlich auch dazu, dass man DEADPOOL eigentlich nie so richtig ernst nehmen kann. Würde man diese unzähligen Tabubrüche, die hier begangen werden, mal genauer betrachten, würde man wohl zwangsläufig zu dem Ergebnis kommen, dass da Genrefilmer vor über 40 Jahren weitaus provokantere Sachen in die Kinos gebracht haben als das, was Miller hier abliefert. DEADPOOL funktioniert so vor allem als ultimative Nerdfantasie und als Ansammlung skurriler Schauwerte. Und als solche funktioniert er tatsächlich ganz vorzüglich. Denn wenn man sich auf DEADPOOL mit all seinem Imponiergehabe, all seinem Gepose und all seinem Radau einlässt – und das ist mir glücklicherweise gelungen – wird man mit einem verdammt unterhaltsamen Stück Film belohnt, welches – auch wenn hier weitaus mehr Schein als Sein am Werk ist – innerhalb des typischen Superhelden-Mainstream-Kinos als fast schon einzigartig bezeichnen werden kann. Für einen Blockbuster ist DEADPOOL tatsächlich maximal asozial geraten und es ist ein Wunder, dass dieser Film von einem Major-Studio wie 20th Century Fox in die Kinos gebracht wurde. Bei Disney, welche ja einen Großteil des Marvel-Franchises fürs Kino verwerten, hätte der Film in dieser Form sicher nie die Lichter der Leinwände erblickt.

Bewertung: Sehr gut! – 8/10

 

 

LOVE (Belgien / Frankreich 2015, Regie: Gaspar Noé)

love

(Fassung: Blu-ray 3D, Alamode Film, Deutschland)

Eine Nachricht auf seiner Mailbox am Neujahrsmorgen schickt den verkaterten Murphy (Karl Glusman), einen in Paris lebenden Amerikaner, auf einen Erinnerungstrip in die eigene Vergangenheit und Regisseur Gaspar Noé lässt uns als Zuschauer daran teilhaben. Wir werden Zeuge, wie Murphy einst die ebenso attraktive wie instabile Electra (Aomi Muyock) kennenlernte, welche die Liebe seines Lebens werden sollte und die er aus Dummheit gehen ließ. Nun sitzt er da, mit einem kleinen Kind und einer anderen Frau (Klara Kristin), die er nicht liebt und sein Leiden über die verlorene Liebe seines Lebens ist auch für den Zuschauer fast körperlich spürbar. LOVE ist ein Film, der mitten ins Herz trifft, einen packt und einfach nicht mehr loslässt. Das Spiel der verschiedenen Darsteller ist so natürlich, so realistisch, so authentisch, so unglaublich explizit und direkt, dass man als Zuschauer das Gefühl bekommt, man würde irgendwo als heimlicher Beobachter in der Ecke sitzen und keinen fiktiven Figuren aus einem Film zusehen, sondern tatsächlich reale Menschen beobachten.

LOVE fordert einen als Zuschauer. Wegen seiner Explizitheit, seiner Tabulosigkeit und wegen dieses bereits erwähnten, ungemein intensiven Spiels von insbesondere Karl Glusman und Aomi Muyock. Aber so verstörend und herausfordernd LOVE stellenweise auch sein mag, er ist in allererster Linie eine hocherotische und einfach nur wunderschöne Liebeserklärung an die Liebe und das Leben. Er ist gerade wegen des dramatischen Schicksals von Murphy und Electra eine regelrechte Aufforderung an den Zuschauer, nicht dieselben Fehler zu begehen wie die beiden, sondern sich bewusst zu machen, welch unbezahlbarer Schatz dieses Finden der “wahren“ Liebe doch ist. Jeder hat es selbst in der Hand, diesen Schatz festzuhalten und nicht leichtfertig wieder aufzugeben.

Bewertung: Meisterwerk! – 10/10

 

 

WHIPLASH (USA 2014, Regie: Damien Chazelle)

whiplash

(Fassung: Blu-ray, Sony, Deutschland)

WHIPLASH scheint ja tatsächlich zum erlauchten Kreis der Filme zu gehören, die man als Zuschauer laut herrschender Meinung gefälligst meisterlich, zumindest aber hervorragend zu finden hat. In den Top 250 der IMDB belegt er momentan den 44. Platz, es gab Oscar-Nominierungen als bester Film und für das beste, adaptierte Drehbuch und u.a. eine Oscar-Auszeichnung für J.K. Simmons als bester Nebendarsteller.

Erzählt wird die Geschichte eines talentierten, jungen Musikschülers – gespielt von Miles Teller -, der von seinem Lehrer (J.K. Simmons) gequält, tyrannisiert und an sämtliche Belastungsgrenzen getrieben wird, bis er schließlich daran zu zerbrechen droht.

Zu behaupten, WHIPLASH sei ein guter Film, fällt definitiv nicht schwer. Dazu spielt J.K. Simmons diesen tyrannischen, ja fast schon diabolischen Lehrer, einfach viel zu gut und es macht als Zuschauer zu viel Spaß, diesem etwas anderen Bösewicht bei seinem fiesen Treiben zuzusehen. Sonderlich viel mehr hat WHIPLASH meines Erachtens jedoch nicht zu bieten. Die ganze Geschichte ist viel zu vorhersehbar und klischeehaft in ihrem Verlauf und so etwas wie eine echte Bindung zu den handelnden Personen konnte ich während des ganzen Films nicht aufbauen. WHIPLASH hat mich als Zuschauer nicht wirklich berührt, er hat mich in der Rolle des stillen Beobachters in der Ecke sitzen lassen. Ich persönlich war – nach diesen unzähligen positiven und euphorischen Stimmen zum Film – fast ein bisschen enttäuscht, bin vielleicht auch an der eigenen Erwartungshaltung gescheitert. Aber zumindest dieses Drumsolo, mit dem Chazelle seinen Film beendet, ist tatsächlich so intensiv, atemberaubend und grandios wie überall beschrieben.

Bewertung: Gut! – 7/10

 

 

FOR LOVE OF THE GAME (USA 1999, Regie: Sam Raimi)

for love of the game

(Fassung: DVD, Universal, Deutschland)

 Kevin Costner spielt den alternden Baseball-Star Billy Chapel, der sein Leben lang für die Detroit Tigers angetreten ist und nicht wenige Rekorde für die Ewigkeit aufgestellt hat. Nun ist er im Spätherbst seiner Karriere angelangt und muss – nachdem er erfahren hat, dass die Tigers den Besitzer wechseln und er zur neuen Saison verkauft werden soll – eine Entscheidung treffen, wie es mit seiner Karriere und seinem Leben weitergehen soll…

Innerhalb der Regiekarriere von Sam Raimi sticht FOR LOVE OF THE GAME deutlich hervor. Nicht aufgrund seines etwa großen Erfolges, vielmehr war eher das Gegenteil der Fall. Schenkt man der IMDB Glauben, spielte FOR LOVE OF THE GAME nicht mal die Hälfte seines Budgets von rund 80 Mio. US-Dollar wieder ein und muss dann doch eher als großer Flop verbucht werden. Nein, dieser Film sticht aus Raimis Filmographie so hervor, da er der einzige Film ist, den Raimi bis heute außerhalb des Genres des (weitläufigen) phantastischen Films gedreht hat. Raimi hat sich hier an einer Mischung aus Liebesgeschichte, Drama und Sportfilm versucht und ist dabei so richtig baden gegangen. Weshalb nun gerade dieser Film bei Kritik und Publikum so dermaßen durchfiel, kann ich mir ehrlich gesagt nicht wirklich erklären. Wenn man einem Subgenre klischeehafte Charaktere und vorhersehbare Handlungsverläufe verzeiht, dann ist es doch eigentlich das Genre des Sportfilms. Denn das lebt ja gerade von seinen Klischees, davon, dass am Ende der große Erfolg steht, der den Sieg holt, der ihn sich verdient hat, die richtigen Entscheidungen getroffen werden – mögen sie noch so klischeehaft und vorhersehbar sein. Dies alles gibt es auch in FOR LOVE OF THE GAME für den Zuschauer zu sehen und wenn man sich auf den Film einlässt und entsprechend nachsichtig mit ihm ist, dann kann man meines Erachtens durchaus von ihm mitgerissen werden. Ich fand beispielsweise, dass gerade der von Kevin Costner gespielte Billy Chapel in seiner Unentschlossenheit, seiner Melancholie aufgrund des nahenden Karriereendes durchaus überzeugend und glaubwürdig gezeichnet wurde. Man nimmt dem Mann ab, dass er zwischen der Liebe zum Spiel und seiner Liebe zu der von Kelly Preston gespielten Jane Aubrey hin- und hergerissen ist und hofft mit ihm, dass er die für ihn richtige Entscheidung finden möge. Und auch das Stilmittel, die Geschichte immer wieder auch in Rückblenden zu erzählen, hat mir gerade bei dieser Geschichte ausgesprochen gut gefallen.

Für mich persönlich ist es bei der Beurteilung eines Films wichtig, dass er mich in irgendeiner Weise berührt hat. Und das ist Raimi mit seinem Flop FOR LOVE OF THE GAME weitaus besser gelungen als beispielsweise Damien Chazelle mit dem unmittelbar zuvor angesehenen und vom Publikum und Kritik hochgelobten WHIPLASH. Am Ende des Tages ist wohl doch alles nur eine Frage des Geschmacks. Und über den lässt sich ja bekanntlich schlecht streiten. Auch wenn es mitunter verdammt viel Spaß macht.

Bewertung: Sehr gut! – 8/10

 

 

SAN ANDREAS (USA 2015, Regie: Brad Peyton)

san andreas

(Fassung: Blu-ray 3D, Warner, Deutschland)

In Kalifornien bebt die Erde und Dwayne Johnson versucht als Pilot eines Rettungshubschraubers seine Tochter und seine Ex-Frau aus der Naturkatastrophe zu retten…

SAN ANDREAS gehört zum Genre des guten, alten Katastrophenfilms und überzeugt natürlich in erster Linie durch seine Schauwerte und weniger durch eine besonders ausgeklügelte und innovative Handlung. Inmitten der Katastrophe gibt es das standardisierte Familienmelodram, an dessen Ende natürlich die Rettung und Wiedervereinigung der zuvor – nicht nur durch die Katastrophe – getrennten Familie steht. So darf man sich als Zuschauer bei SAN ANDREAS also in erster Linie entspannt zurücklehnen und sich von den Schauwerten begeistern lassen. Und die haben es tatsächlich in sich. Peytons Film ist visuell – auch aufgrund seiner guten 3D-Effekte – wirklich mehr als ansprechend geraten und die spektakulären Effekte, bei denen einem als Zuschauer das eine oder andere Mal der Mund vor Erstaunen und Begeisterung offen steht, werden durch ein mehr als druckvolles Sounddesign ergänzt, was letztendlich dazu führt, dass es in rein technischer Hinsicht an SAN ANDREAS aber mal rein gar nichts auszusetzen geben dürfte. Ganz wunderbares Popcornkino – nicht mehr und auch nicht weniger.

Bewertung: Gut! – 7/10

 

 

BECKS LETZTER SOMMER (Deutschland 2015, Regie: Frieder Wittich)

becks letzter sommer

(Fassung: Blu-ray, Universum, Deutschland)

Christian Ulmen spielt den Lehrer Robert Beck, der einst eine vielversprechende Karriere als Musiker aufgab um lieber einen sicheren Job als Staatsbeamter anzutreten. Nun ist Beck Mitte 30, frustriert von Privatleben und Job und hadert zudem mit den vergebenen Chancen seiner Vergangenheit. Als er in einem seiner Schüler (Nahuel Pérez Biscayart) großes musikalisches Talent entdeckt, versucht er, diesem einen Plattenvertrag zu verschaffen und erhofft sich dadurch, auch selbst aus dem ungeliebten Hamsterrad des Beamtentums aussteigen zu können und es doch noch zu einer Karriere im Musikbusiness zu bringen…

Wittichs Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Benedict Wells, der angeblich beim Schreiben des Buchs und der Entwicklung der Figur des Robert Beck an Christian Ulmen gedacht hat (dummerweise finde ich die Quelle für diese Behauptung gerade nicht, bin mir aber sicher, dass mehrmals gelesen zu haben). Und tatsächlich kann man sich niemanden anders als Christian Ulmen in der Rolle dieses streitbaren Verlierers feststellen, der die Förderung seines Schülers nicht nur aus barmherzigem Samaritertum, sondern vor allem auch aus egoistischen Gründen vorantreibt. Da Ulmen diesen Charakter aber spielt wie Ulmen solche Charaktere nun mal zu spielen pflegt, kann man sich als Zuschauer – der sich vielleicht selbst gerade in Becks Alter befindet oder dieses bereits vor ein paar Jahren überschritten hat und diese Situationen kennt, in denen man sich gerade in diesem Alter Gedanken darüber macht, ob man nicht irgendwelche Chancen in seinem Leben unbedacht hat liegen lassen – ganz vorzüglich in den von Ulmen gespielten Beck hineinversetzen, ihn stellenweise verstehen, Empathie und durchaus auch Sympathie für ihn empfinden. Regisseur Frieder Wittich ist mit BECKS LETZTER SOMMER insbesondere in der ersten Hälfte eine witzige, wunderbar melancholische und auch bewegende Loser-Ballade gelungen, von der man sich als Zuschauer ganz vorzüglich treiben lassen kann. Das Problem von Wittichs Film – und das dürfte der Vorlage geschuldet sein – ist dann die zweite Hälfte, in der BECKS LETZER SOMMER zum Road Movie mutiert, in der er etwas die Orientierung zu verlieren scheint und auch viel seiner Glaubwürdigkeit aus der ersten Hälfte des Films wieder einbüßt. Die macht dann leider aus einem anfangs noch sehr guten Film am Ende doch einen “nur“ guten Film.

Bewertung: Gut! – 7/10

 

 

CLOUDS OF SILS MARIA (Deutschland / Frankreich / Schweiz 2014, Regie: Olivier Assayas)

clouds of sils maria

(Fassung: Blu-ray, EuroVideo, Deutschland)

Mit dem Theaterstück “Maloja Snake“ und dem gleichnamigen darauffolgenden Film schaffte die Schauspielerin Maria Enders (Juliette Binoche) einst den großen Durchbruch in der Rolle einer blutjungen Verführerin, die ihre Vorgesetzte in ein Verhältnis verwickelt. Nun, 20 Jahre später, möchte ein erfolgreicher Jungregisseur (Lars Eidinger) das Stück mit der Starschauspielerin erneut auf die Bühnen bringen. Nun soll sie verständlicherweise jedoch die Rolle der älteren Verführten bekleiden, ihr Part von damals geht an die skandalumwitterte Jungschauspielerin Jo-Ann Ellis (Chloë Grace Moretz). Nach anfänglichem Zögern sagt Maria zu und begibt sich mit ihrer persönlichen Assistentin, der weitaus jüngeren Valentine (Kristen Stewart), in die einsame Schweizer Bergwelt, um sich dort auf ihre Rolle vorzubereiten…

CLOUDS OF SILS MARIA funktioniert in erster Linie als Metafilm, denn im Endeffekt spielen sich Juliette Binoche und Chloë Grace Moretz selbst. Wie ihre Maria Enders muss auch Juliette Binoche in ihrer echten Karriere damit leben, dass die wirklich attraktiven Rollen an weitaus jüngere Schauspielerinnen vergeben werden, so wie sie einst selbst als Jungschauspielerin den älteren Kolleginnen begehrte Parts vor der Nase wegschnappte. Regisseur und Drehbuchautor Olivier Assayas hat mit CLOUDS OF SILS MARIA einen Film über das Älterwerden, über Generationenkonflikte und über Würde gedreht, der bestens dazu geeignet ist, auch beim Zuschauer diverse Prozesse des Nachdenkens anzustoßen.

Seine Faszination zieht Assayas’ Film vor allem aus dem ganz vorzüglichem Spiel seiner drei weiblichen Hauptdarstellerinnen (wobei man die Rolle von Chloë Grace Moretz auch als Nebenrolle bezeichnen könnte, ist sie doch deutlich kleiner als die von Binoche und Stewart), insbesondere aus dem Zusammenspiel zwischen Juliette Binoche und Kristen Stewart, die sich wirklich perfekt ergänzen und dieses Aufeinanderprallen verschiedener Generationen unheimlich authentisch und witzig rüberbringen. Es ist eine Freude den Dialogen der beiden zu lauschen und sie dabei zu beobachten, wie sich aus den Proben für das Theaterstück immer wieder interessante Streitgespräche und Diskussionen entwickeln. Vor allem die Leistung von Kristen Stewart kann man gar nicht hoch genug in den Himmel loben. Sie gibt hier die wahrscheinlich beste Vorstellung ihrer bisherigen Karriere und ich muss gestehen, dass ich ihr einen solchen Auftritt nicht wirklich zugetraut hätte.

CLOUDS OF SILS MARIA ist intelligent, dramatisch, witzig, regt zum Nachdenken an und begeistert zudem mit dieser einfach nur beeindruckenden Naturkulisse der Schweizer Bergwelt, die auch dazu führt, dass sich über CLOUDS OF SILS MARIA stellenweise eine leicht mystisch angehauchte Stimmung legt.

Bewertung: Hervorragend! – 9/10

 

 

HOW I MET YOUR MOTHER: SEASON 8 (USA 2012 /2013, Idee: Carter Bays / Craig Thomas)

how i met your mother

(Fassung: DVD, 20th Century Fox, Deutschland)

 Auch in der mittlerweile achten und vorletzten Staffel von HOW I MET YOUR MOTHER versuchen die Macher den in den beiden vorherigen Staffeln eingeschlagenen Weg weiterzugehen und sich in den einzelnen Episoden mehr auf das große Ganze und weniger auf von der Rahmenhandlung unabhängige Folgen zu konzentrieren. Das gelingt über weite Strecken zwar ganz gut, qualitativ muss man im direkten Vergleich zu den sehr guten Staffeln Nr. 6 und 7 aber doch einige Abstriche in Kauf nehmen. Man merkt der Serie an, dass im achten Jahr nun doch so langsam die Ideen auszugehen scheinen. Viele Gags wiederholen sich, die eine oder andere Füller-Episode hat sich auch eingeschlichen und insgesamt betrachtet ist HOW I MET YOUR MOTHER einfach nicht mehr so extrem lustig wie in den Jahren zuvor. Die besten Gags gehen – wie gewohnt – erneut auf das Konto von Neil Patrick Harris in der Rolle des Barney Stinson und er ist dann auch hauptverantwortlich dafür, dass sich HOW I MET YOUR MOTHER im Laufe der 24 Episoden dieser achten Staffel zumindest auf einem guten Level einpendelt.

Bewertung: Gut! – 7/10

02/2016 – Sichtungen 1-9

PROMISED LAND (USA / Vereinigte Arabische Emirate 2012, Regie: Gus Van Sant)

promised land

(Fassung: Blu-ray, Universal, Deutschland)

Matt Damon und Frances McDormand agieren in PROMISED LAND als Außendienstmitarbeiter eines großen Energieriesen und sollen den Bewohnern einer von der Wirtschaftskrise arg gebeutelten Kleinstadt für möglichst wenig Geld Bohrrechte an ihren Grundstücken abkaufen. Doch was als Routineauftrag beginnt, entwickelt sich zum Problem, denn die beiden Vertreter des Energiekonzerns werden nicht überall mit offenen Armen empfangen und schon bald formiert sich erster Widerstand gegen einen Verkauf der Bohrrechte, da die Fördermethode, das umstrittene Fracking, doch einige Gefahren birgt…

Regisseur Gus Van Sant konfrontiert den Zuschauer in PROMISED LAND mit einer ganz eindeutigen und auch begrüßenswerten Aussage und positioniert sich glasklar für den Umweltschutz und gegen skrupellose Konzernmachenschaften. PROMISED LAND nimmt den Zuschauer relativ schnell für sich ein, wegen seiner unterstützenswerten Agenda, wegen seiner ruhigen, atmosphärischen und unaufdringlichen Erzählweise, wegen der ausgesprochen authentisch wirkenden Zeichnung der von der Krise heimgesuchten Kleinstadtbewohner und auch wegen der überzeugenden Darsteller, die – allen voran die tolle Frances McDormand – hier richtig gute Arbeit abliefern.

Aber es gibt auch Schattenseiten, und die hängen insbesondere mit dem etwas arg klischeehaften und vorhersehbaren Handlungsverlauf und mit der Tatsache zusammen, dass Van Sant die Möglichkeit, den Zuschauer richtig zu fordern, einfach nicht nutzt. Denn aus dem Potential, was allein schon aufgrund des Fakts vorhanden ist, dass es sich bei den beiden Protagonisten ja eigentlich um die Bösewichter des Films handelt, wird viel zu wenig gemacht. Das wird insbesondere bei einer näheren Betrachtung des von Matt Damon gespielten Steve Butler deutlich. Klar, er versucht, die kleinen Leute finanziell übers Ohr zu hauen, mehr kriminelle Energie legt er jedoch nicht an den Tag. Er ist kein eiskalter Menschenfänger, der genau weiß, mit welchen weitreichenden Folgen die Einwohner zu kämpfen haben werden, welchen Gefahren sie sich auszusetzen drohen, wenn sie sich auf den Deal mit dem Energiekonzern einlassen. Er ist davon überzeugt, dass es sich bei den vorgebrachten Bedenken um urbane Legenden handelt und wird so eher als bemitleidenswertes Opfer, als willenlose Marionette des Energieriesen, gezeichnet. In das Dilemma, als Zuschauer tatsächlich mit einem richtigen Bösewicht mitzufiebern, wird man von Van Sant leider nie gebracht. Ein nur mittelmäßiger oder gar schlechter Film ist PROMISED LAND trotz dieser Schwäche natürlich trotzdem nicht, er ist halt nur etwas arg handzahm geraten.

Bewertung: Gut! – 7/10

 

 

BIG GAME (Deutschland / Finnland / Großbritannien 2014, Regie: Jalmari Helander)

big game

(Fassung: Blu-ray, Ascot Elite, Deutschland)

Mittelpunkt der Handlung von BIG GAME ist Oskari (Onni Tommila), ein 13-jähriger Junge, der einen Initiationsritus über sich ergehen lassen muss. Um seine Männlichkeit zu beweisen, soll Oskari eine Nacht allein in den finnischen Wäldern verbringen und am nächsten Morgen mit einem getöteten Tier zurückkehren. Während Oskari seine Aufgabe angeht wird am Himmel über ihm die Air Force One zum Ziel eines terroristischen Angriffs und US-Präsident Moore (Samuel L. Jackson) landet in einer Rettungskapsel mitten in Oskaris Jagdgebiet…

BIG GAME ist nicht sonderlich spannend, bietet auch keine überbordende Action (wie einem das Plakat bzw. das Cover der Blu-ray gerne vorgaukeln würde) und scheint insgesamt betrachtet eher für ein jugendliches und weniger für ein erwachsenes Publikum konzipiert zu sein. Regisseur Jalmari Helander hat da einen Film gedreht, den man – halbwegs objektiv betrachtet – gerade mal als nett bzw. unterhaltsam bezeichnen könnte. Aber Objektivität beim Filmeschauen ist ja immer ein schwieriges Thema und bei BIG GAME kamen dann tatsächlich noch ein paar Faktoren zusammen, die den Film für mich zu einem echten Vergnügen werden ließen. Beispielsweise die beeindruckende Naturkulisse, in der die Geschichte spielt, und die für nicht wenige, visuelle Highlights sorgt. Oder die Tatsache, dass Samuel L. Jackson hier so herrlich gegen sein übliches Rollenklischee besetzt ist. Der von ihm gespielte US-Präsident ist meilenweit davon entfernt, in irgendeiner Weise cool zu sein, vielmehr handelt es sich um ein komplettes Weichei und Jackson scheint diese Rolle tatsächlich verdammt viel Spaß gemacht zu haben. Größter Pluspunkt des Films ist allerdings die Chemie, die sich mit zunehmender Laufzeit zwischen Samuel L. Jackson und seinem kindlichen Co-Star entwickelt. Die beiden harmonieren gar prächtig miteinander und BIG GAME läuft vor urkomischen, oft beinahe slapstickhaften Szenen, die dieses Zusammenspiel mit sich bringt, stellenweise regelrecht über. BIG GAME hat mich einige Male herzhaft zum Lachen gebracht (allein das erste Aufeinandertreffen der beiden späteren Verbündeten ist einfach nur saukomisch) und mir allein schon aufgrund dieser Tatsache viel Spaß bereitet.

Zum Abschluss noch ein kritisches Wort zur deutschen Blu-ray, die für O-Ton-Liebhaber leider nur bedingt zu gebrauchen ist. Bei Auswahl des O-Tons werden in den Szenen, in denen im Original finnisch gesprochen wird, keine automatischen Untertitel eingeblendet (was eigentlich mittlerweile Standard für Heimkino-Veröffentlichungen sein sollte), stattdessen müssen diese immer wieder manuell zugeschaltet werden. Das beeinträchtigt den Filmgenuss erheblich.

Memo an mich: in Zukunft nach Möglichkeit auf Veröffentlichungen aus dem Hause Ascot Elite verzichten und lieber auf Alternativen aus Großbritannien oder den USA zurückgreifen.

Bewertung: Gut! – 7/10

 

 

VACATION (USA 2015, Regie: John Francis Daley / Jonathan M. Goldstein)

vacation

(Fassung: Blu-ray, Warner, Deutschland)

Vor über 30 Jahren unternahm Rusty Griswold (Ed Helms) mit seiner Familie einen denkwürdigen Ausflug in den Erlebnispark Walley World. Nun möchte Rusty seinem Vater Clark (Chevy Chase) nacheifern und entschließt sich dazu, diesen Trip nun auch mit seiner Frau (Christina Applegate) und seinen beiden Söhnen (Skyler Gisondo und Steele Stebbins) zu unternehmen – was allerdings nicht auf allzu große Begeisterung stößt…

Der mittlerweile fünfte Griswold-Film übergibt den Staffelstab an die nächste Generation. Bereits 18 Jahre sind seit dem unmittelbaren Vorgänger VEGAS VACATION vergangen und Chevy Chase und Beverly D’Angelo absolvieren hier nur noch einen kurzen Gastauftritt am Ende der Geschichte. Im Mittelpunkt stehen Ed Helms als Rusty, seine Familie und der ereignisreiche Road Trip, bei dem natürlich alles schief geht, was so schief gehen kann. VACATION pendelt irgendwo zwischen Fortsetzung der Reihe und losem Remake des auf denselben Titel hörenden Auftaktfilms aus dem Jahr 1983. Die beiden Regisseure Daley und Goldstein haben ein paar nette Referenzen an das große Vorbild eingebaut und der von Ed Helms gespielte Rusty erinnert in seinem Verhalten natürlich stark an den von Chevy Chase gespielten Clark Griswold aus den Filmen zuvor. Was VACATION leider völlig abgeht, ist der hintergründige und auch sympathische Humor, der praktisch alle Vorgängerfilme mit Chase in der Hauptrolle – so grell diese in ihren Gags auf den ersten Blick auch gewesen sein mochten – ausgezeichnet und sehenswert gemacht hat. Daley und Goldstein setzen lieber auf offensiven Gross-Out-Humor, der in nicht wenigen Sequenzen wirklich sämtliche Geschmacksgrenzen zu sprengen droht. Auch das ist stellenweise saukomisch, unterhält aber eher oberflächlich; so etwas wie Herz und Seele hält erst am Ende – bei den Gastauftritten von Chevy Chase und Beverly D’Angelo – Einzug in den Film und da wird einem auch richtig bewusst, wie weit VACATION qualitativ doch von den Original-Filmen entfernt ist. Am Ende des Tages hat man als Zuschauer zwar einen absolut unterhaltsamen Film gesehen, als Fan der Vorgängerfilme aber auch die Erkenntnis gewonnen, dass es manchmal vielleicht besser wäre, nicht jede einst erfolgreiche Filmreihe wiederzubeleben.

Bewertung: Unterhaltsam! – 6/10

 

 

TREFFER (Deutschland 1984, Regie: Dominik Graf)

treffer

(Fassung: DVD, EuroVideo, Deutschland)

In TREFFER begleitet man die drei Freunde Albi (Maximilian Wigger), Franz (Dietmar Bär) und Tayfun (Tayfun Bademsoy) auf ihrer Suche nach Glück, Zufriedenheit und Freiheit. Doch die gestaltet sich für die drei Motorradfreaks als ausgesprochen schwierig. Geldprobleme, Jobprobleme, Bekanntschaften mit den falschen Menschen und ein stetiger Wandel am Rande der Legalität führen schließlich dazu, dass die Geschichte von Albi, Franz und Tayfun in einer Katastrophe zu enden droht.

TREFFER überzeugt vor allem durch seinen Zeit- und Lokalkolorit, seine leicht melancholisch angehauchte Atmosphäre und die überzeugenden Leistungen der drei Hauptdarsteller, die diese drei schwierigen Charaktere ausgesprochen authentisch verkörpern. Die (Anti-)Helden taugen vielleicht nicht unbedingt als bedingungslose Sympathieträger und Identifikationsfiguren, Regisseur Dominik Graf gelingt es jedoch mit spielerischer Leichtigkeit beim Zuschauer so viel Empathie für Albi, Franz und Tayfun zu erzeugen, dass man diesen drei Typen während der kompletten Laufzeit die Daumen drückt und hofft, dass sich am Ende vielleicht doch noch alles zum Guten wendet, auch wenn man befürchtet, dass dies wohl nicht unbedingt der Fall sein wird.

TREFFER ist großes, deutsches Fernsehen. Unbedingt sehenswert.

Bewertung: Sehr gut! – 8/10

 

 

EVERLY (USA 2014, Regie: Joe Lynch)

everly

(Fassung: Blu-ray, Splendid, Deutschland)

Die Handlung von EVERLY lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen: Salma Hayek ist als titelgebende Everly in einem Appartement eingesperrt und versucht zu fliehen. Hiroyuki Watanabe trachtet ihr als fieser Gangsterboss nach dem Leben und versucht alles, um sie nicht lebend aus dem Appartement entkommen zu lassen.

Was folgt ist ein knapp 90-minütiges Kammerspiel der etwas derberen Art. Everly wehrt sich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln gegen ihre Angreifer und der geneigte Zuschauer wird Zeuge eines stattlichen Blutbades mit skurrilen Killern, abgedrehten Situationen und ausgesprochen kreativen Tötungsarten. Ernst nehmen kann man Lynchs Film natürlich keine fünf Sekunden lang – dafür ist das Teil viel zu überzeichnet und durchgedreht. Wem der Sinn nach einem typischen Tarantino-Klon mit heftigen Funsplatter-Einlagen steht, kann gerne mal einen Blick riskieren, alle anderen sollten vielleicht lieber die Hände von EVERLY lassen. Ich persönlich fand Lynchs Film durchaus gelungen und unterhaltsam, insbesondere weil er es geschafft hat, sein begrenztes Setting – EVERLY spielt praktisch ausschließlich in einem Appartement – effektiv zu nutzen und seinen Film über 90 Minuten so abwechslungsreich zu gestalten, dass beim geneigten Zuschauer keine Ermüdungserscheinungen auftreten.

Bewertung: Unterhaltsam! – 6/10

 

 

FRANCES HA (Brasilien / USA 2012, Regie: Noah Baumbach)

frances ha

(Fassung: Blu-ray, MFA+ / Ascot Elite, Deutschland)

Greta Gerwig ist Frances, die in New York mit ihrer besten Freundin Sophie zusammenlebt und von einer Karriere als Tänzerin träumt. Aber irgendwie scheint praktisch alles im Leben der 27 Jahre alten Hauptfigur nicht so recht in die Gänge kommen zu wollen. Das Geld ist knapp, die Ausbildung an der Tanzakademie erweist sich als zäh und schwierig, ihre WG mit Sophie muss sie aufgeben, als diese in einer festen Beziehung landet und sie selbst mag gerade in Liebesdingen einfach kein Glück haben…

Regisseur Noah Baumbach erzählt die Geschichte von Frances in einfach gehaltenen Schwarz/Weiß-Bildern und lässt den Zuschauer so auf relativ schlichte Art und Weise an diversen Stationen von Frances’ Suche nach dem Sinn des Lebens teilhaben. FRANCES HA lebt dabei in allererster Linie von seiner Hauptdarstellerin. Greta Gerwig spielt diesen vielschichtigen Charakter so überzeugend und glaubwürdig, dass man sich als Zuschauer nur schwer der Faszination entziehen kann, die von der Hauptfigur ausgeht. Man könnte sie aufgrund ihrer diversen Taten und Verhaltensweisen gleichzeitig umarmen und trösten, aufwecken und schütteln, lieben und hassen, man möchte mit ihr lachen und weinen und ihr nicht selten einfach nur eine schallende Ohrfeige verpassen – Frances scheint wie ein guter Freund zu sein, mit dem man durch dick und dünn gehen würde, dem man aber auch nicht selten einen Tritt in den Allerwertesten verpassen möchte, damit er seinen Kram endlich auf die Reihe bringt. FRANCES HA ist ein Film über Freundschaft, über Lebensziele, über Träume. Er ist auf seine ebenso schlichte wie direkte Art stellenweise einfach nur wunderschön und diese Sequenz, in der Frances zu den Klängen von Bowies “Modern Love“ durch die Straßen von New York läuft, versprüht pure Kinomagie. Toll!

Bewertung: Sehr gut! – 8/10

 

 

GET HARD (USA 2015, Regie: Etan Cohen)

get hard

(Fassung: Blu-ray (Extended Cut), Warner, Deutschland)

Will Ferrell ist James King, ein schwerreicher Hedgefonds-Manager, der aufgrund seiner unfassbaren Naivität zum Opfer eines gegen ihn gerichteten Komplotts wird und wegen Betrugs zu 10 Jahren Haft in San Quentin verurteilt wird. Nun bleiben dem Opfer widriger Umstände genau 30 Tage Zeit um sich fit für den Knast machen zu lassen. Für diesen Job hat King ausgerechnet Darnell Lewis (Kevin Hart) auserkoren, der – so schlussfolgert King – allein schon aufgrund seiner schwarzen Hautfarbe definitiv schon einige Jahre hinter Gittern verbracht haben muss. Darnell, der dringend Geld benötigt, hat zwar noch nie ein Gefängnis von innen gesehen, lässt King aber in dem Glauben und macht sich an die Arbeit…

Man muss Will Ferrell und diese ganz spezielle Art des Humors, in der kein Witz zu flach ist, keine Gürtellinie zu tief hängt und kein Tabu existiert, das nicht gebrochen werden darf, schon mögen, um mit GET HARD seinen Spaß haben zu können. Ich persönliche halte Will Ferrell für einen der großartigsten Komiker unserer Zeit und kann mich schon allein bei seinen diversen Grimassen immer wieder regelrecht kaputtlachen. Folgerichtig empfand ich auch GET HARD als ungemein witzig, sehenswert und unterhaltsam, auch wenn diese erste große Regiearbeit von Regisseur Etan Cohen qualitativ sicher bei Weitem nicht an andere Großtaten von Will Ferrell heranreicht, ich denke da insbesondere an ANCHORMAN: THE LEGEND OF RON BURGUNDY und STEP BROTHERS. Ich habe keinerlei Problem damit, wenn Leute GET HARD nicht mögen, weil sie mit Ferrell und seiner Art des Humors nichts anfangen können. Nicht nachvollziehen kann ich jedoch diverse Stimmen, die GET HARD Rassismus und Homophobie vorgeworfen haben. Denn das halte ich speziell in diesem Film überhaupt nicht für angebracht. Klar, der von Ferrell gespielte James King ist rassistisch und homophob, jedoch nicht aus Überzeugung, sondern aufgrund seines schlichten Gemüts und seiner unfassbaren Dummheit. Es wird mir hoffentlich niemand, der seinen Kopf zum Denken benutzt, erzählen wollen, dass dieser bemitleidenswerte Trottel für einen als Zuschauer als Vorbild dienen könnte, als Identifikationsfigur, der es nachzueifern lohnt. Ich finde es eigentlich ziemlich toll, dass GET HARD auf komplett überzeichnete Art und Weise den vermeintlichen Helden als rassistischen und homophoben Trottel entlarvt und dadurch ja auch diesen ganzen rassistischen und homophoben Trotteln, die leider Gottes so durch die Straßen ziehen, einen entsprechenden Spiegel vor die Fresse hält.

Bewertung: Unterhaltsam! – 6/10

 

 

SUPERNATURAL: SEASON 1 (USA 2005 / 2006, Idee: Eric Kripke)

supernatural

(Fassung: DVD, Warner, Deutschland)

In SUPERNATURAL stehen die beiden Brüder Sam (Jared Padalecki) und Dean Winchester (Jensen Ackles) im Mittelpunkt. Als Sam noch ein Baby war, kam die Mutter der Brüder unter mehr als mysteriösen und definitiv übernatürlichen Umständen ums Leben. Ihr Vater (Jeffrey Dean Morgan) hat sein ganzes Leben darauf ausgerichtet, die für den Tod seiner Frau verantwortliche Macht zu finden und zu töten. Während sich sein älterer Sohn Dean ihm anschloss und sich mit ihm gemeinsam auf die Jagd nach Dämonen und anderen übernatürlichen Wesen machte, sagte sich Sam los und versucht nun, ein normales Leben als College-Student zu führen. Doch als der Vater der Brüder spurlos verschwindet, holt auch Sam seine eigentliche Berufung auf ausgesprochen drastische Art und Weise ein – seine Freundin stirbt auf dieselbe Art und Weise wie einst seine Mutter – und er macht sich gemeinsam mit Dean auf Dämonenjagd…

Nach THE SHIELD habe ich mir mit SUPERNATURAL nun eine Serie ausgesucht, die bestens zum Entspannen und Berieseln geeignet ist und so insbesondere nach nervigen Tagen im Büro ihren Weg in den Player findet. In dieser ersten Staffel gibt es noch keinen großartigen Handlungsbogen, die einzelnen Episoden werden zwar durch einen hauchdünnen, roten Faden zusammengehalten, sind ansonsten aber jeweils eigenständig und pendeln sich im Lauf der Staffel auf ein durchaus unterhaltsames Level ein. Qualitativ ist da jedoch noch ziemlich viel Luft nach oben. Wirklich gut sind höchstens ca. 1/3 der insgesamt 22 Episoden, der Rest ist halt nett und unterhaltsam. In den guten Folgen wird aber auch deutlich, welches Potential in der Serie steckt – dies scheint ja später auch ausgeschöpft zu werden, sonst hätte es die von Eric Kripke erdachte Serie bisher wohl kaum auf elf Staffeln gebracht -, denn die sind dann auch tatsächlich richtig schön creepy, atmosphärisch und unheimlich geraten. Mal schauen, wie es in der nächsten Staffel weitergeht.

Bewertung: Unterhaltsam! – 6/10

 

 

TATORT: DAS MÄDCHEN AUF DER TREPPE (Deutschland 1982, Regie: Peter Adam)

tatort - das mädchen auf der treppe_01

tatort - das mädchen auf der treppe_02

(Fassung: DVD, ARD Video, Deutschland)

In ihrem vierten gemeinsamen Fall müssen Schimanski (Götz George) und Thanner (Eberhard Feik) den Mord an einer Frau aufklären und sich gleichzeitig um deren 17-jährige Tochter kümmern. Die besitzt keinerlei Vertrauensperson, an die sie sich wenden könnt und scheint – so stellt sich bald heraus – selbst in großer Gefahr zu schweben…

DAS MÄDCHEN AUF DER TREPPE hat mir von den bisherigen Schimanski-Fällen am besten gefallen. Der zu lösende Fall steht im Vordergrund und der Weg zur Klärung des Verbrechens ist spannend und wendungsreich. Die Chemie zwischen George und Thanner ist einmal mehr die halbe Miete für das Gelingen des Films und auch Chiem van Houweninge hat in der Rolle des Hänschen wieder ein paar ausgesprochen nette Szenen abbekommen. Ziemlich toll ist auch das Zusammenspiel zwischen den beiden Kommissaren und Anja Jaenicke, die als Katja das titelgebende Mädchen auf der Treppe verkörpert und sowohl Schimanski als auch Thanner immer wieder vor schwierige Situationen stellt. Und dann liegt über dem Film noch so eine wunderbar mystische, manchmal schon fast melancholische Grundstimmung – diese Szene in der Disco beispielsweise, in der sich Anja Jaenicke als Katja allein und gedankenverloren auf der Tanzfläche befindet, verursacht pure Gänsehaut -, die vor allem durch den wunderbaren Synthie-Score von Tangerine Dream erzeugt wird. DAS MÄDCHEN AUF DER TREPPE macht Lust auf mehr und die Tatsache, dass Regisseur Peter Adam noch drei weitere Schimanski-Fälle als Regisseur begleitet hat, schürt die Vorfreude – gerade auf diese drei Filme – immens.

Bewertung: Sehr gut! – 8/10