Ein paar Gedanken zu Tarantinos 8. Film

THE HATEFUL EIGHT (USA 2015, Regie: Quentin Tarantino)

the hateful eight

(Fassung: Blu-ray, Entertainment One, Kanada)

Die USA, einige Jahre nach dem Bürgerkrieg: der Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russell) ist in einer Kutsche mit seiner Gefangenen Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) im kalten Winter von Wyoming unterwegs in die nächstgelegene Stadt, um dort die Verbrecherin abzuliefern und das Kopfgeld zu kassieren. Auf diesem Weg gabelt er zuerst den ehemaligen Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) und anschließend Chris Mannix (Walton Goggins) auf, der sich als künftiger Sheriff der Stadt ausgibt, die Ruth erreichen will. Da Ruth und seiner Gefolgschaft jedoch ein gefährlicher Schneesturm im Nacken sitzt, suchen die Männer Unterkunft in einer einsam gelegenen Raststation, in der sich schon diverse andere, zwielichtige Gestalten (Michael Madsen, Tim Roth, Bruce Dern) aufhalten…

Da ist er nun, der achte Film von Quentin Tarantino, und wahrscheinlich ist THE HATEFUL EIGHT sogar Tarantinos persönlichster Film seit JACKIE BROWN. Und vielleicht hätte gerade THE HATEFUL EIGHT all diese Liebe von mir verdient gehabt, die ich für all seine anderen Filme empfinde. Um jetzt keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, sei gleich vorweg angemerkt, dass das, was in den nächsten Absätzen folgt, am Ende des Tages Jammern auf extrem hohem Niveau darstellt, und dass mir THE HATEFUL unterm Strich sehr gut gefallen hat. Ich mochte den Verlauf, den die Handlung nimmt, ich konnte in den tollen Bildern von Kameramann Robert Richardson regelrecht versinken (insbesondere in denen, die außerhalb der Raststation spielten), der Score von Morricone erzeugte eine ungemein intensive Atmosphäre und hinsichtlich der schauspielerischen Leistungen der vielen bekannten Gesichter gibt es eh nichts auszusetzen. Aber diese Höchstwertung von 10 Punkten, die ich persönlich bisher jedem Film von Tarantino guten Gewissens erteilen konnte, muss ich hier doch verweigern.

Neben JACKIE BROWN, der auf einem Roman von Elmore Leonard basierte, ist THE HATEFUL EIGHT der einzige Film von Tarantino, der nicht aus unzähligen Vorlagen zusammengebastelt zu sein scheint, sondern in dem tatsächlich eine “neue“ Geschichte erzählt wird. THE HATEFUL EIGHT ist neben JACKIE BROWN somit wahrscheinlich nicht nur der persönlichste, sondern vielleicht auch der reifste Film Tarantinos. Obwohl es auf der Movie-Connections-Seite der IMDB auch zu diesem Film schon wieder unzählige Aufzählungen gibt, welche Vorbilder er angeblich zitiert, springt einem dieses “spot the reference“-Getue hier bei weitem nicht so sehr ins Gesicht, wie in seinen anderen Filmen, insbesondere bspw. in DEATH PROOF und KILL BILL: VOL. 1 und VOL. 2, die ja nur aus Zitaten zusammengesetzt zu sein scheinen. Neu für Tarantino ist auch, dass er hier erstmals einen eigenen Score verwendet, komponiert vom Altmeister Ennio Morricone, der dafür im Alter von 87 Jahren dann auch endlich seinen ersten Oscar bekam. THE HATEFUL EIGHT wirkt auch aus diesem Grund eigenständiger als Tarantinos sonstige Regiearbeiten, bei denen einem die Szenen der filmischen Vorbilder schon allein aufgrund der Verwendung der entsprechenden Musik bereits während der Sichtung der Filme vor dem geistigen Auge erscheinen. Eigentlich beste Voraussetzungen für einen echten Volltreffer, was ist nun schief gelaufen?

In meinen Augen übertreibt es Tarantino in THE HATEFUL EIGHT mit seinen Dialogen. Prinzipiell liebe ich diese ganz eigene Art der Dialoge in seinen Filmen und könnte ihnen theoretisch stundenlang zuhören. Während in seinen Filmen zuvor jedoch immer Bewegung im Spiel ist und die Dialogzeilen von sich gegeben werden, während etwas passiert, ist THE HATEFUL EIGHT irgendwie steif und statisch geraten. Ich mochte zwar, wie sich der Film im letzten Drittel vom Western zum Mysteryfilm entwickelt, aber diese kammerspielartige Inszenierung, die den Film über die fast komplette Laufzeit tragen muss, wirkt irgendwann ermüdend. Fast scheint es so, als habe sich Tarantino hier selbst in seinen Dialogen verloren, THE HATEFUL EIGHT scheint irgendwann zur Plattform seines selbstverliebten Autoren zu verkommen, wirkt bemüht und unnötig in die Länge gezogen und versetzt den Zuschauer irgendwann in einen regelrecht lethargischen Zustand, aus dem ihn nicht einmal mehr die extremen Gewaltausbrüche, die es in der zweiten Hälfte des Films immer wieder zu bewundern gibt, herausreißen können. In meinen Augen ist THE HATEFUL EIGHT sogar schon in der normalen Kinofassung, die auf der mir vorliegenden kanadischen Blu-ray enthalten ist, um mindestens 30-40 Minuten zu lang geraten. Die Geschichte, die Tarantino erzählt, rechtfertigt einfach keine Laufzeit von knapp 170 Minuten. Vor ein paar Wochen war ich noch enttäuscht darüber, dass diese exklusive 70mm-Roadshow-Version, die in ausgewählten Kinos gelaufen ist, und den Film ganz klassisch mit Ouvertüre, Intermission und noch mehr Handlung präsentiert, wohl nicht auf einem Heimkinomedium veröffentlicht werden wird, nach Sichtung der normalen Version bin ich fast schon froh darüber, dass mir eine noch längere Fassung dieses Films erspart bleibt. Vielleicht braucht es weitere Sichtungen – die definitiv kommen werden – um auch meine Liebe zu THE HATEFUL EIGHT zu entfachen, fürs Erste bleibt jedoch anzumerken, dass dieser achte Film von Tarantino, der aufgrund seiner Voraussetzungen eigentlich prädestiniert dafür gewesen wäre, den Höhepunkt in seinem bisherigen Schaffen darzustellen, sein bisher “schwächster“ Film geworden ist.

Bewertung: Sehr gut! – 8/10

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