Diverse Kurzkommentare 2016, Vol. 02

TRAINWRECK (Japan / USA 2015, Regie: Judd Apatow)

trainwreck

(Fassung: Blu-ray (Extended Cut), Universal, Deutschland)

Der aktuellste Eintrag im Judd-Apatow-Universum rund um mal mehr und mal weniger funktionierende Beziehungsmodelle hört auf den Namen TRAINWRECK und wurde von Judd Apatow, der sonst ja auch oft nur als Produzent oder Drehbuchautor auftritt, sogar höchstpersönlich inszeniert. Im Mittelpunkt des Films steht eine Reporterin für ein Männermagazin, gespielt von Amy Schumer, die von ihrem nicht gerade treuen Vater geprägt wurde, vom herkömmlichen Familienkonzept nicht unbedingt überzeugt ist und sich lieber ständig mit One Night Stands vergnügt – bis sie schließlich bei den Recherchen zu einem neuen Artikel einen Sportarzt kennenlernt und sich tatsächlich in ihn verliebt, was schließlich vor allem dazu führt, dass sich der zuvor durchaus anarchisch angelegte TRAINWRECK in eine weitere, formelhafte RomCom verwandelt.

Die Grundidee des Films mit dem Vertauschen typischer Rollenklischees fand ich eigentlich ziemlich gut. Normalerweise sind es ja immer die Männer, die in solchen Filmen gezähmt werden müssen, hier läuft die Sache netterweise genau andersrum ab. Funktioniert hat TRAINWRECK für mich dennoch nicht, was in erster Linie an Hauptdarstellerin Amy Schumer lag, die bei mir als Zuschauer einfach nur unsympathisch und uninteressant  rüberkam. Ihr Charakter war mir über die komplette Laufzeit – und die ist Apatow-typisch mal wieder sehr lang ausgefallen und hat die 2-Stunden-Marke überschritten – einfach nur egal, was schließlich dazu führte, dass sich TRAINWRECK zog wie ein Kaugummi. Normalerweise mag ich die Filme aus dem Apatow-Universum ja immer sehr gerne, da in TRAINWRECK allerdings auch die Anzahl der gelungenen Gags eher im unterem Bereich anzusiedeln ist und der Film wirklich nur über ein paar wenige tolle Szenen verfügt, ist das hier tatsächlich der erste Apatow-Film, von dessen Sichtung ich eher abraten würde. TRAINWRECK hat mich doch ziemlich enttäuscht zurückgelassen.

Bewertung: Naja! – 4/10

 

 

TREES LOUNGE (USA 1996, Regie: Steve Buscemi)

trees lounge

(Fassung: DVD, Arthaus/Studiocanal, Deutschland)

Steve Buscemi, der hier als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller agierte, spielt in TREES LOUNGE den arbeitslosen Mechaniker Tommy, der aus verschiedenen Gründen sein Leben einfach nicht mehr auf die Reihe bekommt, mit seinen diversen Schicksalen hadert und einen Großteil seines Tages in der titelgebenden Kneipe bzw. Bar verbringt.

TREES LOUNGE ist eine dieser kleinen Indie-Produktionen, die mit relativ wenig Geld (das Budget des Films lag laut IMDB bei ca. 1,3 Mio Dollar) und dafür umso mehr Herzblut entstanden zu sein scheinen und die den Zuschauer mit den Schicksalen möglichst skurriler und obskurer Gestalten konfrontieren. Bei mir treffen Filme wie dieser sehr häufig ins Schwarze. Ich liebe es, in diese von Alkohol durchtränkten und mit Zigarettenqualm durchsetzten Mikrokosmen einzutauchen, den diversen Kneipenpropheten zu lauschen und diesen liebenswerten Losern einfach beim Nichtstun zuzusehen. TREES LOUNGE ist ein Paradebeispiel für Filme dieser Art und so dürfte es niemanden wirklich erstaunen, dass ich mich auch in der Welt von Buscemis Film außerordentlich gern aufgehalten habe und diesen Film hiermit allen, die ein großes Herz für kleine Filme haben dringend weiterempfehlen möchte.

Bewertung: Sehr gut! – 8/10

 

 

황해 | HWANGHAE (aka The Yellow Sea, Hongkong / Südkorea / USA 2010, Regie: Na Hong-jin)

hwanghae

(Fassung: Blu-ray, Eureka, Großbritannien)

 Regisseur Na Hong-jin erzählt die Geschichte des von Ha Jung-woo gespielten Taxifahrers Gu-nam, der in der hauptsächlich von Koreanern besiedelten Stadt Yanji im Grenzgebiet von China, Russland und Nordkorea versucht, irgendwie über die Runden zu kommen. Seine Frau hat sich schon vor einiger Zeit nach Südkorea abgesetzt, seitdem wartet Gu-nam darauf, dass sie ihm Geld zukommen lässt, damit er die wegen seiner Spielsucht mittlerweile in exorbitanter Höhe entstandenen Schulden irgendwie abzahlen kann. Als er eines Tages die Möglichkeit bekommt, sich mit der Erledigung eines bestimmten Auftrags all seiner Schulden zu entledigen, nimmt er diesen an. Doch die Aufgabe hat es in sich: Gu-nam soll nach Südkorea reisen und dort einen ihm unbekannten Mann töten…

Nachdem Regisseur Na Hong-jin seine Charaktere vorgestellt und in Stellung gebracht hat, erzählt er seinen Film zunächst auf ausgesprochen ruhige Art und Weise im Stile eines klassischen Heist Movies – nur dass der Überfall hier eben ein Auftragsmord ist – weiter. Er lässt seinen Protagonisten die Gegend auskundschaften, lässt ihn die Gewohnheiten seines Opfers lernen und ihn schließlich zur Tat schreiten, wobei während dieser Phase des Films die Spannungsschraube von Minute zu Minute immer mehr angezogen wird. Nach der Tat verwandelt sich 황해 | HWANGHAE sehr schnell in ein packendes Jagd/Flucht-Szenario und einen teils äußerst derben Rachefilm, der spätestens zu diesem Zeitpunkt auch all die Zuschauer fesseln dürfte, denen die Inszenierung der ersten Filmhälfte vielleicht etwas zu ruhig geraten war. Wenn man an 황해 | HWANGHAE überhaupt etwas aussetzen möchte, dann vielleicht tatsächlich das, dass der Film mit einer Laufzeit von rund 140 Minuten einen Tick zu lang geraten ist. Hin und wieder schleichen sich ein paar wenige Längen ein, die den guten Gesamteindruck jedoch nicht wirklich schmälern können.

Ansonsten bleibt nach Sichtung dieses Films vor allem die Erkenntnis übrig, dass es im internationalen Kino – abseits der typischen Hollywood-Blockbuster-Unterhaltung – für aufgeschlossene Filmfreunde tatsächlich so unendlich viel zu entdecken gibt, dass man als Filmfan wohl 10 Leben zur Verfügung haben müsste, um seiner Leidenschaft ausgiebig nachgehen zu können.

Bewertung: Sehr gut! – 8/10

 

 

殺しの烙印  | KOROSHI NO RAKUIN (aka Branded to Kill, Japan 1967, Regie: Seijun Suzuki)

koroshi no rakuin

(Fassung: Blu-ray, Arrow Video, Großbritannien)

Regisseur Seijun Suzuki erzählt in seinem Gangstermelodram die Geschichte des Auftragsmörders Gorô Hanada (Jô Shishido), momentan die Nr. 3 im inoffiziellen Killer-Ranking der Verbrecherkartelle, der seinen aktuellen Auftrag versaut, da ihm Gefühle zu einer Frau in die Quere kommen. Fortan steht er auf der Abschussliste seiner Auftraggeber und muss sich schon bald mit der unbekannten Nr. 1 (Kôji Nanbara) auseinandersetzen, der Hanada endgültig aus dem Weg räumen soll…

Seijun Suzuki taucht seine Geschichte in Schwarz/Weiß-Bilder, die sein Kameramann Kazue Nagatsuka in wirklich betörender Schönheit abgelichtet hat und in die man sich als Zuschauer am besten einfach hineinfallen lässt. Wer eine herkömmliche Erzählstruktur erwartet, dürfte von Suzukis Film wohl eher enttäuscht werden. 殺しの烙印  | KOROSHI NO RAKUIN ist über weite Strecken maximal seltsam, verbreitet eine ganz eigene Atmosphäre, ist voll skurriler Erotik aufgeladen (die höchste sexuelle Erfüllung findet die Hauptfigur beispielsweise, wenn sie an kochendem Reis schnüffeln darf) und mitunter auch etwas sperrig und alles andere als leicht zugängig. Aber all das ist auch ungemein faszinierend geraten und wer es schafft, sich auf den Film einzulassen, wird mit einem wahrlich beeindruckenden Werk belohnt. Nur Mut, in England gibt es Suzukis Film von Arrow Video in einer wundervoll aufgemachten Blu-ray-Edition käuflich zu erwerben.

Bewertung: Sehr gut! – 8/10

 

 

愛欲の罠 | AIYOKU NO WANA (aka Trapped in Lust, Japan 1973, Regie: Atsushi Yamatoya)

aiyoku no wana

(Fassung: Blu-ray, Arrow Video, Großbritannien)

Regisseur Atsushi Yamatoya zeichnete für das Drehbuch des erst kurz zuvor gesehenen 殺しの烙印  | KOROSHI NO RAKUIN (mit-)verantwortlich und hat mit 愛欲の罠 | AIYOKU NO WANA eine Erotik- bzw. Exploitation-Variante von Suzukis Film gedreht. Auch hier geht es um einen hochrangingen Auftragskiller der bei einem höchst komplizierten Auftrag die notwendige Professionalität vermissen lässt und dadurch selbst auf einer Todesliste landet. Doch während Suzukis Original in betörend schönen Bildern schwelgte, eine sexuell aufgeladene Atmosphäre transportierte und den Zuschauer trotz seiner teils sperrigen Art komplett in seinen Bann zu ziehen vermochte, ist dieses Quasi-Remake eher etwas plump geraten. Ja, auch dieser Film hier hat seine höchst skurrilen Momente zu bieten – insbesondere die Sache mit dem Killer und der Puppe – und das Finale von 愛欲の罠 | AIYOKU NO WANA ist auch ein ziemlicher Knaller geworden, die über weite Strecken jedoch nicht unbedingt erotischen oder überhaupt in irgendeiner Weise ästhetischen Softsexsequenzen des Films torpedieren sein Gelingen jedoch in höchstem Maße. Schauwerte allein reichen am Ende des Tages halt doch nicht aus, man muss auch wissen, wie man sie in Szene setzt und das ist Atsushi Yamatoya leider nicht wirklich gelungen. 愛欲の罠 | AIYOKU NO WANA ist jetzt sicher kein Totalausfall, aber auch kein Film, den man unbedingt gesehen haben müsste (es sei denn, man hat es sich auf die Fahne geschrieben, im Lauf seines Lebens möglichst alle erhältlichen Exploitation-Flicks aus Japan sichten zu wollen).

Bewertung: Ganz ok! – 5/10

 

 

LIVING IN OBLIVION (USA 1995, Regie: Tom DiCillo)

living in oblivion

(Fassung: Blu-ray, Shout! Factory, USA)

 Regisseur Tom DiCillo nimmt seine Zuschauer in LIVING IN OBLIVION mit an das Set einer Independent- bzw. Low-Budget-Produktion und führt ihm auf ebenso lustige wie bissige Art und Weise vor Augen, mit welchen Problemchen und Problemen unabhängige Filmemacher so zu kämpfen haben. Komplizierte Diven, untalentierte Stars und technischen Pannen machen die Drehs diverser Szenen zu einer Tortur für alle Beteiligten, wobei der Zuschauer während der Erstsichtung des Films nie sicher sein kann, ob hier nun nur einer Traumsequenz oder tatsächlich der filmischen Wirklichkeit beiwohnt.

LIVING IN OBLIVION wirkt dabei ungemein real und authentisch, Steve Buscemi ist in der Rolle des genervten Regisseurs einfach großartig, aber auch Catherine Keener, James Le Gros und Peter Dinklage als nicht gerade unkomplizierte Schauspieler überzeugen auf ganzer Linie. Tom DiCillo hat mit LIVING IN OBLIVION einen ungemein lustigen und faszinierenden Film gedreht, eine Liebeserklärung des Independent-Kinos an sich selbst, einen dieser Filme, die einen als Zuschauer sofort in ihren Bann ziehen und mit ihrer liebevollen und auch durchaus eigenwilligen Art einfach nicht mehr loslassen.

Bewertung: Hervorragend! – 9/10

 

 

MAN WANTED (USA 1932, Regie: William Dieterle)

man wanted

(Fassung: DVD, Warner Archive, USA)

Mit MAN WANTED habe ich mal wieder einen meiner beliebten und eigentlich viel zu seltenen Ausflüge in die Pre-Code-Ära von Hollywood unternommen, in der Filmemacher noch nicht dem ab Mitte der 30er Jahre für gut 3 Jahrzehnte geltenden Zensurbestimmungen unterworfen waren und in der Filme gedreht wurden, die auch noch aus heutiger Sicht – und insbesondere im Hinblick auf ihren Entstehungszeitpunkt – einfach nur ungemein modern, erfrischend und lebendig wirken. Angestaubt ist hier wirklich überhaupt nichts.

In MAN WANTED geht es um die erfolgreiche Karrierefrau Lois Ames (Kay Francis), die mit dem von David Manners gespielten Thomas Sherman einen neuen Assistenten anheuert, der sich nach kurzer Zeit in seine mit einem windigen Playboy (gespielt von Kenneth Thomson) verheiratete Chefin verliebt. Regisseur William Dieterle erzählt die Geschichte dieser Liebe, die eigentlich nicht sein darf, auf ungemein rasante Art und Weise. Das schwache Geschlecht sind hier eindeutig die Männer, sei es nun der vergnügungssüchtige Ehemann an der Seite der starken Frau oder eben der verliebte Angestellte unter der mehr als dominanten Chefin. Überzeugende schauspielerische Leistungen, ein mit geschliffenen Dialogen nur so gespicktes Drehbuch und diese glaubwürdige Darstellung der Umkehr traditioneller Geschlechterrollen machen MAN WANTED zu einem dieser weiteren kleineren Filme aus der damaligen Zeit, die auch heute noch perfekt funktionieren und vor denen man wegen ihrer modernen Einstellung und Botschaft nur anerkennend den Hut ziehen kann.

Bewertung: Gut! – 7/10

 

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